Von Jürgen Krönig London

Für seine Bewunderer ist Tony Blair die Lichtgestalt der britischen Politik, ein Politiker mit Charisma, frischen Ideen und Mut. Auch die Wähler sind beeindruckt vom neuen Labour-Chef, der bislang noch keinen falschen Schritt gemacht hat. Und selbst die Londoner City beginnt, verstohlen mit der Oppositionspartei zu flirten, während Wirtschaft und Industrie der Idee „aktiver Partnerschaft“ zwischen Regierung und Privatsektor offenkundig Positives abgewinnen können. Die Organisatoren des Labour-Kongresses in dieser Woche hatten Mühe, die Wünsche von Unternehmen nach einem Informationsstand in den Wandelhallen des „Wintergarden“ in Blackpool zu erfüllen.

Die glanzvolle Jungfernrede des neuen Mannes an der Spitze von Labour hat die Tristesse der Tories vor ihrem eigenen Parteitag im südenglischen Bournemouth noch vergrößert. Die Meinungsumfragen sind verheerend, unendlich scheint die Serie von Skandalen, Pannen und Peinlichkeiten. In der Unterhausfraktion greift Defätismus, ja Endzeitstimmung um sich. Selbst ein Königsmord kommt wohl nicht mehr in Frage; John Major wird uns in die nächste Wahl und in die Niederlage hineinführen, lautet ein oft zu vernehmendes Urteil. Die Tories können nicht länger darauf zählen, Labour als altmodische, gefährliche Links-Partei vorzuführen, denn die Opposition hat sich zum ernstzunehmenden Konkurrenten gemausert.

Mit Tony Blair präsentiert Labour zum ersten Mal seit dreißig Jahren einen Oppositionsführer, der weitaus interessanter wirkt als der Regierungschef, den er herausfordert. Einst hatte Harold Wilson die Phantasie der Briten mit dem Versprechen einer „technologischen Revolution“ zu entzünden vermocht, jetzt verkündet Blair ein umfassendes Programm zur „nationalen Erneuerung“, verspricht „Chancengleichheit, Verantwortung, Fairness und Vertrauen“ und beansprucht für Labour einen Platz im Zentrum britischer Politik.

Die britische Parteienlandschaft, lange zum Vorteil der Tories fest gefügt, gerät in Bewegung. Die Liberaldemokraten, ewig hoffende Dritte Kraft, spüren bereits die Auswirkungen des „Blair-Faktors“: Die Angst bürgerlicher Wähler vor Labour hat rapide abgenommen. Je mehr Zutrauen sie zur Partei Tony Blairs fassen, desto weniger Grund haben sie, für Paddy Ashdowns Liberaldemokraten zu stimmen.

Mit der Wahl von Tony Blair signalisierte die Partei ihre Bereitschaft zur Modernisierungskur, denn sonst wäre es wenig sinnvoll gewesen, den radikalen Reformer auf den Schild zu heben. Nie zuvor war ein Labourführer in seiner Partei so mächtig. Was er verlangt, um den Sieg sicherzustellen – die Partei wird es ihm nicht abschlagen. Nach dem Willen des Chefs soll nun sogar bis zur Wahl in zirka zwei Jahren die „heilige Kuh“ der Labour-Werbung geschlachtet werden: die „Vergesellschaftung von Produkten und Verteilung“. Woran sich seit Hugh Gaitskell fast vierzig Jahre lang kein Labour-Führer getraut hat – Tony Blair könnte es gelingen.

Auch sonst ist er entschlossen, seinen Bewegungsspielraum auszuschöpfen. Wenn die Welt sich verändere, müßten sich auch Parteien wandeln, andernfalls würden sie versteinern und nutzlos werden, lautet seine Botschaft. Blairs Vorgänger Neil Kinnock und John Smith hatten sich zwar um innerparteiliche Reform bemüht, aber letztlich standen sie für die Rückkehr in die sechziger oder siebziger Jahre, die Zeit vor Margaret Thatcher. Dagegen verspricht Tony Blair den Aufbruch nach vorn, auch wenn nicht ganz klar ist, wohin die Reise führen wird.