Obwohl hier auch Allesschlucker, Bänkelsänger, Ohrenseifenbläser und andere Akteure des Schaugeschäftes kurz vorgestellt werden, hat der Wiener Sachbuchautor Rudi Palla kein Kuriositätenkabinett der spätmittelalterlichen und neuzeitlichen Arbeitswelt eingerichtet. In seinem "Thesaurus der untergegangenen Berufe" wird der vorindustrielle Alltag nicht romantisiert, sondern realistisch beschrieben. Es ist ein Nacfrschlagewerk über "Verschwundene Arbeit" - und mit seinem Druck vom Bleisatz selbst ein gutes Stück einst gewohnter Handwerkerqualität. Alphabetisch geordnet, reicht es von "Abdecker" über "Drahtzieher", "Flößer", "Hausierer", "Lustfeuerwerker" oder "Spinner(innen)" bis "Zöllner". Dabei werden jeweils unterschiedlich genau die speziellen Tätigkeiten, Materialien und Produkte erklärt, werden gleichfalls wirtschaftliche, gesellschaftliche, kulturelle und regionale Besonderheiten charakterisiert. Außerdem ergänzen Illustrationen aus einer technologischen Enzyklopädie des frühen 19. Jahrhunderts etliche Artikel.

So bekommt man Einblick in Werkstätten und Manufakturen; so wird einem ein anschauliches Bild vermittelt vom täglichen Schaffen Nürnberger Lebküchler, Wiener Lohnkutscher oder Prager Lederer, die von ihren Mitbürgern wegen der Geruchsbelästigung beim Gerben oft als "Stänker" beschimpft wurden. Immer wieder fällt bei der Lektüre die österreichische Herkunft des Verfassers auf, bemerkt man seine Detailkenntnisse, wenn es um die Sozialgeschichte der k u k. Monarchie geht. Rudi Palla hat historische Recherchen angestellt, aber ebenso bei Schriftstellern wie Egon Erwin Kisch, Joseph Roth oder gar Fritz von Herzmanovsky Orlando nachgelesen. Auf diesen literarischen Erzschelm beruft er sich zum Beispiel, um augenzwinkernd die "Wassertrompeter" zu präsentieren. Mehr zu dieser seltenen Spezies sei nicht verraten, Genaueres dazu findet sich auf den letzten Seiten. Dort ist zudem ein "Kompendium der Namenkunde" abgedruckt. Fast tausend Familiennamen, die auf alte Berufe zurückgehen, sind hier verzeichnet, auch diese zwei: "Kohl, Kohl (alemannisch): mhd köl, köl, Kohl, Kohlkopf; Übername des Kohlbauern. Spottname: Kohlhase, Kohlhaas. Auch Köhlmeier" und "Scharf, Scharfe, Scharpf (obd ): = schneidend scharf, forsch. Auch ndd. Scharp(ing)".

Ein Thesaurus der untergegangenen Berufe; Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 1994; 448 S , 48 - DM