Von Robert Leicht

Stichworte zur geistigen Situation der Zeit – schon zweimal versuchten Intellektuelle unter diesem Titel die Lage im Lande auf einen Begriff zu bringen: einmal unter der Federführung von Karl Jaspers zu Beginn der dreißiger, einmal, inspiriert von Jürgen Habermas, am Ende der siebziger Jahre. Der neueste Versuch, die geistige Landschaft zu vermessen, hantiert mit Zahlen. So wäre denn die Republik geprägt von einem Aufstand der 89er gegen die 68er – von einem Generationskonflikt also. Die Sache klingt so einleuchtend wie unbestimmt. Doch wenn man nach den Begriffen hinter den Zahlen fragt, verwirren sich die Fronten wie im Gesellschaftsspiel.

Nur eines steht fest: Ausgelöst wurde die unscharf-scharfe Kontroverse von Botho Strauß und seinem Essay "Anschwellender Bocksgesang", von einem Versuch ("Der Rechte – in der Richte: ein Außenseiter"), gegen den Mainstream der Gesellschaft, den politisch-kulturellen Zweistrom der Bundesrepublik (hier der sozial-konservative Arm, dort der links-liberale), einen genuin rechten Felsen zu setzen: "Rechts zu sein, nicht aus billiger Überzeugung, aus gemeinen Absichten, sondern von ganzem Wesen, das ist, die Übermacht einer Erinnerung zu erleben; die den Menschen ergreift, weniger den Staatsbürger, die ihn vereinsamt und erschüttert inmitten der modernen, aufgeklärten Verhältnisse, in denen er sein gewöhnliches Leben führt."

Doch mit der Hauptperson beginnen die Paradoxien. Kaum hatte Ulrich Greiner in dieser Zeitung die jüngeren Kritiker des jüngsten Buches von Botho Strauß als "89er" getadelt und gefragt: "Was haben die Neunundachtziger? Heraus damit, laßt sehen", meldet sich das Autorenkollektiv eines Sammelbandes mit dem Schlachtruf: "Die ‚Neunundachtziger‘ sind da!" – als Sammlungsbewegung. Doch – parbleu: Ihr Plädoyer für eine selbstbewußte Nation erweist sich als ein Rosenkranz von missionarischen Auslegungen des Predigttextes von Botho Strauß.

Wer aber ist heute der 68er? Derjenige, der zusammen mit Strauß die Revision der damals herrschenden Paradigmen betreibt – oder jemand, der (obschon eine Generation später geistig aufgewachsen) gegen Strauß die Vorstellung einer genauen Vernunft aufrechterhält?

So unvermeidlich die Generationenfolge mit ihren üblichen Konflikten – hier geht es um etwas anderes: nicht um die Generation, sondern um den Genus des Denkens, um die Art des Argumentierens, nicht um das Alter der Argumentierenden. Und bestimmender als die Jahreszahl bleibt jeweils das Ereignis, von dem die Denkbewegung und der Stil der Auseinandersetzung ihren Ausgang nahmen.

Das Ereignis von 1968: ein Aufbruch, der in seiner Widersprüchlichkeit die ganze westliche Welt bewegte. Ein Bruch mit Institutionen, Sitten und Gebräuchen. Auch wenn zur Heroenverehrung und zum Veteranengeschwätz kein Anlaß besteht, trug die Revolte zur Öffnung und Durchlüftung der westlichen Gesellschaften bei. Gewiß, kein großer Gewinn ohne herbe Verluste, keine klaren Erkenntnisse ohne düstere Irrtümer. Aber eine gewisse Idee von Emanzipation und Aufklärung, von Rationalität und Reform, von Transparenz und Toleranz wurde zum Leitbild einer Gesellschaft, die 1969 auch den ersten politischen Machtwechsel in der Bundesrepublik erlebte. Und so linksradikal und militant sich die Wortführer der 68er oft gaben, so deutlich war am Ende der Gewinn an Liberalität für alle.