WALSRODE. – Jetzt ist wieder Hochsaison: Im thüringischen Heiligenstadt hat ein Möhrenkönig das Zepter von seinem Vorgänger übernommen. "Unkraut zupfe, Unkraut zupfe, Möhrn, Möhrn, Möhrn", rief er seinem Volk zu. Im niedersächsischen Walsrode hat vor einigen Wochen eine neue Heidelbeerkönigin den Thron bestiegen. Bei der feierlichen Amtseinführung gaben sich nicht nur örtliche Honoratioren die Ehre; auch eine Rapsblütenkönigin von der Ostseeinsel Fehmarn, eine Blütenkönigin aus dem Alten Land, eine Kirschkönigin aus dem hessischen Witzenhausen und Schneverdingens amtierende Heidekönigin machten ihre Aufwartung. Nicht dabei in diesem Jahr: die Gurkenkönigin aus Biblis und die Weinkönigin aus der Pfalz.

Die Deutschen küren sich so viele Majestäten wie noch nie. Vor allem Weinköniginnen sind in deutschen Landen dutzendfach anzutreffen. Zahllose Winzergemeinden huldigen gekrönten Häuptern Der Bedarf an würdigen Trägerinnen ist so groß, daß an geeigneten Bewerberinnen gelegentlich Mangel herrscht. Weil sich im 1200-Seelen-Ort Martinsthal im Rheingau 1992 keine junge Frau fand, entschlossen sich die Winzer kurzerhand, den Titel umzuwidmen: Ein Theologiestudent sprang als "Weingott Bacchus" in die Bresche.

Bei so vielen Monarchen bleibt es selbstverständlich nicht aus, daß die konkurrierenden Königreiche versuchen, sich gegenseitig den Rang abzulaufen. Das Deutsche Weininstitut in Bad Neuenahr-Ahrweiler ließ seinen Titel schützen: Nur hier wird angeblich die wahre Deutsche Weinkönigin gekürt. Selbst Orte, in denen überhaupt kein Rebensaft gekeltert wird, wollen nicht ohne Weinkönigin sein, zum Beispiel Hildesheim.

In der Lüneburger Heide wetteifern seit Jahren rund zehn Gemeinden um die Kür der echten Heidekönigin. Die Kleinstadt Schneverdingen ließ sage und schreibe 35 Heideköniginnen aus der ruhmreichen, fünfzig Jahre alten Dynastie des Ortes aufmarschieren. Mit dabei auch die Fleischerstochter Elsa Erhorn. Im Jahre 1936 hatte sie den Heidethron als erste bestiegen. Die Ehre, unter den Jungfrauen des Heidestädtchens als Anmutigste ausgewählt zu werden, sei damals noch der einzige Lohn gewesen, erzählt die heute 77jährige, die immer noch in der Fleischerei der Familie hilft. Selbst ihr Krönungskleid habe sie damals wieder zurückgeben müssen.

Heute dürfen die Heidemajestäten von Schneverdingen nicht nur ihr edles Gewand behalten, sondern bekommen auch noch einen brillantbesetzten Ring. Sie haben bis zu fünfzig Auftritte im Jahr, glänzen bei internationalen Touristikmessen und bei Kaufhausaktionen. Bei ihrer Antrittsrede sind der Schneverdinger Heidekönigin neuerdings auch kritische Töne erlaubt. So hat eine die Gelegenheit schon mal dazu genutzt, um gegen britische Panzer zu protestieren, die bei ihren Übungen die Heide zerwühlten.

Vor allem um Geschick geht es bei der Wahl der Kartoffelkönigin im niedersächsischen Cloppenburg. Wer sich mit der Knollenkrone schmücken will, muß zum Beispiel erst einmal beweisen, daß er in der Lage ist, die Erdäpfel zu schälen. Im Zeichen der Gleichberechtigung dürfen auch Männer antreten. Der Pommes-Queen steht ein Kartoffelkönig zur Seite.

Gänzlich bedeutungslos ist das Äußere bei der Kür des Oldenburger Kohlkönigs. Hier zählt das politische Gewicht. Ob der gegenwärtige Throninhaber, Bundesaußenminister Klaus Kinkel, da der Richtige ist, sei dahingestellt. Zuvor ist das Grünkohlzepter schon an Politgrößen wie Gerhard Schröder und Rita Süssmuth überreicht worden. Und auch der berühmte Namensvetter ließ sich nicht lange bitten, als die Wahl auf ihn fiel. Vor genau zehn Jahren wurde der Kanzler zum Kohlkönig gekrönt. "Als Kohl kam ich zur Welt, als Kohl werde ich sie irgendwann wieder verlassen, und zwischendurch bin ich nun ein Jahr lang Kohlkönig – mehr Kohl kann man sich nicht vorstellen", ist aus der Antrittsrede des Kanzlers überliefert. Heinrich Thies