BERLIN. – Die Wiederkehr des Verdrängten gehört zu den täglichen Ärgernissen, an denen sich die Psyche abmühen muß. Im politischen Leben heißt Verdrängung gewöhnlich „eindeutige Distanzierung“, und ihre Symptome sind Presseerklärungen, Einzelstimmen, Privatmeinungen, unverantwortliche Papiere. Die Rede ist vom Rumpelstilzchen der deutschen Parteien, der PDS, die – in Abwandlung des Märchentextes – von sich sagen kann: „Wie gut, daß ich nicht weiß, wie ich wirklich heiß’.“ Jedenfalls entspringt die politische Wirkung dieser Partei weniger ihrer Substanz als dem Gemisch aus Abwehr und Annäherung durch SPD und Bündnis/Grüne.

Vor kurzem gab es in der alten Volksbühne in Berlin, über der in blauer Neonschrift das Wort „Ost“ leuchtet, einen Presseempfang von Bündnis 90/Die Grünen. Roter und grüner Wackelpudding reflektierte den düsteren Zukunftsschimmer am Büffet. Ein Papier geisterte durch die Gespräche: Willi Brüggen, Jochen Esser, Andreas Schulze waren die Verursacher. Sie forderten: „Eine Koalition mit der PDS darf nicht länger tabu sein.“ Denn mit ihr existiere in Berlin „eine überwältigende Reformmehrheit“.

Man täte natürlich den Bündnis/Grünen in Berlin unrecht, würde man sie mit dieser Position identifizieren. Aber wie weit ist der Weg vom Auf-keinen-Fall-mit-der-PDS zum Warum-eigentlich-Nicht? Der halluzinatorische Weg zum Regierungswechsel, der in diesem Papier erträumt wird, trifft immerhin etwas, was viele Grüne miteinander teilen: die Existenzängste. Sie fühlen sich vom mythischen Stammplatz links von der SPD vertrieben und befürchten, als Opposition von der PDS bis zur Unkenntlichkeit umarmt zu werden. Der Kampf ums politische Überleben verführt zum geilen Griff nach der Macht. Darum lehnen auch die Papierschreiber die Tolerierung durch die PDS ab. Denn: „Wir müßten ständig Kröten schlucken, während uns die PDS als längst schon etablierte und zahnlose Altpartei entlarvt.“ Hingegen, wenn einmal das Tabu einer Koalition durchbrochen ist, eröffnen sich für die Bündnis/Grünen alle Möglichkeiten. In einer „rosa-rot-grünen Koalition“ könnten die Grünen die Mitte besetzen, sie würden „zum Zentrum des Bündnisses“ und müßten folgerichtig auch das Amt des Regierenden Bürgermeisters stellen!

In dem Wirbel um das Strategiepapier ging ein Begriff unter, der überaus aufschlußreich ist: Die Autoren postulieren, daß in diesem Projekt Bündnis 90/Die Grünen die Rolle des „Ethnologen“ zufalle, „der zwischen den vermeidlichen unterschiedlichen Sprachen von SPD und PDS vermittelt“. Der Ethnologe begreift, weil er an der fremden Kultur nicht teilnimmt. Wer hingegen als Teilnehmer zum Ethnologen wird, begreift die eigene Welt als fremd. Tatsächlich wird im obsessiven Blick auf die Arithmetik einer „Reformmehrheit“ mit oder ohne PDS gerade der alarmierendste Tatbestand übersehen: der galoppierende Wirklichkeitsverlust. In dem Papier wird die Berliner Realität jedenfalls nur als Stoff der Anklage zitiert. Der Verlust der Industriearbeitsplätze, die soziale Spaltung, die Ghettoisierung, der Ost-West-Konflikt – alles Schuld der großen Koalition. Also weg mit ihr!

Der Epochenumbruch, die Ost-Verschiebung der Stadt, der Untergang der hochsubventionierten Westberliner Insel, die Konkurrenz der osteuropäischen Reservearmee am Arbeitsmarkt – alle historischen Verwerfungen werden kurzerhand zu politischen Fehlern erklärt. Man kann der großen Koalition vieles vorwerfen. Aber sicher ist, daß Rot-Grün nicht einmal den trüben Konsens zustande gebracht hätte, sich in die politischen Notwendigkeiten zu schicken. Eine andere Koalition wäre nicht fähig gewesen, alle Investitionsmittel nach Ostberlin zu schieben. Eine rot-grüne Regierung hätte nicht einmal die Schließung des Schillertheaters durchgestanden.

Das Papier legt den ganzen Frust jener Adepten des Luxusjahrzehnts bloß, die noch bis 1989 an das Naturgesetz eines politischen Generationswechsels glaubten. So abseitig gegenwärtig derlei strategische Überlegungen sind, eines verbindet das Papier mit dem allgemeinen Wahlkampf gegen Kohl: der verdinglichte Begriff des Wechsels. Der Wechsel selbst soll zum gerechteren Deutschland führen! Als ob dieses Land nicht bis in die Wolle sozialdemokratisch gefärbt ist, als ob im föderalen Staat nicht eine Mehrheit der sozialdemokratischen Ministerpräsidenten regiert! In Berlin jedenfalls war es ironischerweise Harald Wolf, einem Mitglied der PDS-Fraktion, vorbehalten, an die Realität zu erinnern: „Es gibt keinen ungünstigeren Ort für Regierungsexperimente mit der PDS als Berlin.“