Dies bleibt bis zum Ende eines der merkwürdigsten Wahljahre. Die Wähler scheinen zu ahnen, daß es mit der bisherigen Politik so nicht weitergehen kann – aber sie können offenbar nicht erkennen, wohin die Reise gehen soll.

Verglichen mit dem Jahresanfang, hatte sich das Kräfteverhältnis zwischen dem Kanzler Helmut Kohl und dem Kanzlerkandidaten Rudolf Scharping schon im August vollständig umgekehrt. Vor einem Monat waren für den hypothetischen Fall der Direktwahl des Kanzlers 43 Prozent für Kohl, 30 Prozent für Scharping gewesen. Auch in den letzten beiden Wochen hat sich für Scharping nichts geändert. Kohl jedoch hat in den neuen Bundesländern wieder erheblich an Zustimmung verloren; per saldo kommt er jetzt auf 41 Prozent.

Interessant ist dabei ein anderer Vergleich mit dem Monat Februar: Legt man die Entwicklung im Kräftemessen zwischen Kohl und Scharping zugrunde, so müßte eigentlich der Wunsch nach einem Regierungswechsel ins Gegenteil umgeschlagen sein. Doch noch immer votiert eine, wenn auch geringere Mehrheit für einen Regierungswechsel. Sprachen sich im Februar 60 Prozent der Wähler für eine Wende aus, so sind es jetzt noch – wie im Monat Juli – 51 Prozent. Wendeluft ohne Wendelust.

Kein Wunder also, daß sich die Stimmung unter den Wählern nicht ausgeprägt polarisiert hat. Für den immer noch einigermaßen wahrscheinlichen Fall, daß am Abend des 16. Oktober keine Partei über die absolute Mehrheit verfügt, gibt es nicht einmal mehr eindeutige Koalitionspräferenzen unter der Wählerschaft. Waren im Februar 34 Prozent der Westdeutschen und 23 Prozent der Ostdeutschen für eine große Koalition eingetreten, so hatte diese Option im Juli noch eine gesamtdeutsche Anhängerschaft von 31 Prozent. Jetzt aber wollen nur noch 26 Prozent etwas von einer Elefantenhochzeit wissen. Die gegenwärtige Koalition wollen 25 Prozent weiter im Amt sehen, und 23 Prozent favorisieren Rot-Grün. Die rotgelbgrüne Ampel brächte es auf 6 Prozent.

Da es sich bei der Ampel aber im Grunde um eine Variante zur rotgrünen Option handelt und sie deshalb eigentlich die Zustimmung zur rotgrünen Zusammenarbeit voraussetzt, nimmt ein anderes Ergebnis nicht Wunder: In der Summe wünschen sich 51 Prozent der Wähler eine Regierungsbeteiligung der Union über die Bundestagswahl hinaus, aber 60 Prozent wollen die SPD an der Regierung sehen, in welcher Koalition auch immer – also auch als Juniorpartner einer großen Koalition. Die Sozialdemokraten stellen sich gewissermaßen als sehr starke zweite Wahl dar.

Wie immer die Koalition aussehen könnte, die nach dem 16. Oktober zu bilden ist: Ein entscheidender Faktor könnte in diesem Spiel die PDS sein. Eine Zweidrittelmehrheit von 67 Prozent spricht sich prinzipiell gegen jegliche Einbeziehung der PDS in die Regierungsbildung aus. Aber 24 Prozent wünschen sich einen Regierungswechsel unter direkter oder indirekter Beteiligung der Postkommunisten.

Die Ansichten sind freilich im Westen der Republik ganz anders verteilt als im Osten. Lehnen 73 Prozent der Westdeutschen jegliche Einbeziehung der PDS ab (17 Prozent sind in den alten Bundesländern dafür), spricht sich in den ostdeutschen Ländern eine Mehrheit von 53 Prozent für eine Beteiligung der PDS am Geschäft der Regierungsfindung aus; 46 Prozent der Ostdeutschen sind dagegen. Selbst ein Viertel der ostdeutschen CDU-Anhänger ist dafür, die PDS einzubeziehen.