Fl s gibt etliche Zeitgenossen, die sich, von Nachrichtensendungen abgesehen, nur Tierl filme im Fernsehen anschauen. Was macht Tiere im Fernsehen so attraktiv? Daß sie von der Gewalt des Mediums, das sie aufzeichnet, nicht zu beeindrucken sind. Sie müssen sich der Verführung zum Dasein als Dargestellte nicht einmal entziehen, sie nehmen ganz einfach keine Notiz davon. Das in den Kameras technisch geronnene Begehren erreicht sie nicht, sie antworten nicht, spielen nicht mit, sie bleiben, wo sie sind: anderswo.

Es ist schon bemerkt worden, daß der melancholische Flaneur in Wilhelm Genazinos Prosa Kamerafunktionen imitiert. Er greift sich ein Stück Wirklichkeit, schneidet dabei einige wenige, meist unauffällige Einzelheiten aus ihrem üblichen Zusammenhang heraus und stellt sie damit zwangsläufig in einen neuen; dann hält er die Szene fest, unyerwackelt, klar umrissen. Das Resultat ist eine Art Stilleben städtischen Abfalls. Das ist die eine Seite der Arbeit: Bilder finden und fixieren. Sehsucht.

Der andere Teil der Arbeit läßt sich am besten mit dem altmodischen Titel Sehnsucht fassen. Der Flaneur und Betrachter sehnt sich hinüber zu den Dingen seiner Beobachtung. Er möchte sich in sie verwandeln, Ding unter Dingen sein, oder zumindest ein solch unbefragtes, selbstverständliches Verhältnis zu ihnen entwickeln, wie es Tieren zu eigen ist, einem Schaf zum Beispiel zum Gras, das es frißt. Er möchte raus aus der Kultur, raus aus Sprache und Begehren, stumm sein, dasein ohne jede weitere Bestimmung, ein Stück Natur und fraglos glücklich.

Mit einem Wort: Weil solche Verwandlung aber buchstäblich ein Ding der Unmöglichkeit ist und zudem ein alter romantischer Topos, wie der belesene Genazino ganz genau weiß, hat er sich in resignativer Manier in den Zwischenräumen der Sehnsucht und Vergeblichkeitsempfindung angesiedelt. Ein Tier sein wollen, aber ein Beobachter sein müssen - das ist, auf eine schlichte Formel reduziert, die Crux des passionierten Flaneurs bei Genazino.

Im neuen Buch "Die Obdachlosigkeit der Fische", das, anders als sein voriges, "Leise singende Frauen", nicht mehr die Gattungsbezeichnung Roman trägt, ist der Flaneur eine Frau mit einem ganz normalen Beruf (Lehrerin), einem genauen Alter (vierundvierzig) und einem langjährigen Verhältnis zu einem älteren Mann, das sich in einer leichten Krise befindet: Mann und Frau kämpfen mit der Tatsache ihres Älterwerdens. In dieser alltäglichen Konstellation ist das Genazinotypische Gemisch aus Beobachtung und Reflexion, Meditation und Erinnerung zurückhaltend, aber solide geerdet. Das merkt man allerdings erst nach und nach. Immer wieder kommt die Ich Erzählerin auf ihre Situation in der Schule, auf die Verluste und Beschränkungen des Alters und auf ihr Verhältnis zu ihrem sachten und vernünftigen Lebenspartner Helmuth, einem Rechtsanwalt in der Versicherungsbranche, zu sprechen. Wichtiger allerdings ist der indirekte Bezug, den die vielen Einzelbeobachtungen und Rückblenden in die Kindheit zur Gegenwart der Erzählerin aufnehmen.

So steht der mittlere der drei Abschnitte des Buches ganz im Zeichen der Erinnerung an eine pubertäre Liebesgeschichte der Heldin. Das vierzehnjährige Mädchen mit Pickeln im Gesicht ist ganz vernarrt in einen unerreichbaren Dieter, läßt sich aber trotzdem oder gerade deshalb von einem allzunahen Harald aushallen, küssen, anfassen und auf jene seltsame Weise lieben, die unbeholfenen, zugleich auftrumpfenden und zaghaften Fünfzehnjährigen eigen ist oder zumindest in den ersten Jahren nach dem Krieg eigen war. Das ist eindrucksvoll erzählt, und diese Erzählung hat eine Qualität, die bei Genazino nicht selbstverständlich ist: Sie bindet die Details der Wahrnehmung, statt sie "poetisch" zu isolieren, in eine ganz bestimmte Geschichte, in ein bestimmtes Milieu, eine Landschaft und eine Stimmung ein. Auf diese Weise gewinnen selbst unscheinbare Einzelheiten auf eine klassisch narrative Weise Sinn und glänzen nicht länger allein als prekäre symbolische Fundstücke: "Erst ungefähr fünfzehn Jahre später ist mir aufgefallen, daß ich damals drei Nebenbeschäftigungen brauchte, um Haralds Eroberung auszuhalten. Erstens: An einen anderen, unerreichbaren Liebhaber denken. Zweitens: Die Unbeeindruckbarkeit der Schafe beobachten. Drittens: Einen Grashüpfer in der Hand spüren " Hier sind Schafe und Grashüpfer aus ihrer "romantischen" Absolutheit erlöst und psychologisch zu Fluchtmotiven eines bedrängten Kindes konkretisiert.

Damit knüpft der neue Text eher an den früheren Roman "Die Liebe zur Einfalt" an, in dem der Tod der Eltern die Perspektive und Erinnerung des Erzählers direkt beeinflußt und motiviert hat. Eine Besonderheit dieses neuen Buches ist aber das indirekte Verweissystem zwischen Erinnerung und Gegenwart. So wiederholt sich die Starre des pubertären Mädchens unter den Küssen und Händen Haralds in ihrem Unbeteiligtsein beim stereotypen Geschlechtsakt mit ihrem Mann Helmuth. Und diese Starre, dieses Leben in der "Zitadelle", wie es mehrfach heißt, gibt auch das Muster für die generelle Wahrnehmungsform der Erzählerin ab. Unbeteiligt und entfernt von den Menschen und Abläufen bis zur Verhaltensauffälligkeit einerseits, auf der anderen Seite die Sehnsucht, hinüberzuwechseln in die stille Größe des Kleinen, die Anmut des Kaputten und die Würde des Verlorenen.