Von Dietmar H. Lamparter

Wie ein Held sieht der freundliche Mann mit Brille und Stirnglatze eigentlich nicht aus. Doch wenn Christian Wolf erzählt, wie es ihm gelang, das Erbe seiner Vorfahren vor den „Räubern“ zu retten, wird deutlich, welche Kämpfernatur in ihm steckt.

Die Beute, um die es ging, liegt in einem idyllischen Tal im sächsischen Vogtland in der 1200-Seelen-Gemeinde Wernesgrün: die ehemalige Wernesgrüner Brauerei KG links und die Grenzquell-Brauerei rechts des Wernesbachs. Heute bilden sie zusammen die Wernesgrüner Brauerei AG.

Die „Räuber“, wie er sie nennt, kamen aus Dortmund, von der Brau und Brunnen AG. Der Vorstand des Getränkekonzerns, mit über sieben Millionen Hektoliter Ausstoß Nummer drei am deutschen Biermarkt, wollte die Vogtländer Renommiermarke seinem preußisch-westfälischen Imperium einverleiben. Marken wie Dortmunder Union, Schultheiss oder Berliner Pilsener gehören bereits dazu.

Doch der Ansturm der Westdeutschen wurde nach zähem Ringen abgeschlagen. Befriedigt konnte Christian Wolf mit über 700 Gästen am 8. September den „Abschluß der Reprivatisierung und die Einweihung des Brauereineubaus“ feiern. Kajo Schommer, Minister für Wirtschaft und Arbeit in Dresden, sprach von einem „Leuchtturm in der sächsischen Industrielandschaft“. David hat Goliath ein Schnippchen geschlagen. Doch das Gezerre um die Brauerei im Vogtland ist mehr als eine Randnotiz der deutsch-deutschen Wirtschaftsgeschichte. Wernesgrün hat Symbolcharakter.

Der Sud aus Hopfen und Malz hat am Werriesbach Tradition. Schon 1436 verliehen die Herren zu Auerbach einem Wernesgrüner das „Recht zum Brauen und Schenken“. 1762 übernahm die Familie Günnel (Grenzquell) das Gut rechts des Wernesbachs, zwölf Jahre später erwarb die Familie Männel Ländereien am linken Ufer. In produktiver Rivalität mehrten die Nachfahren der beiden Sippen ihr Erbe nach Kräften. Das Pils aus dem „Bierdorf Wernesgrün“ schmeckte vor dem Krieg nicht nur den Sachsen: Mit dem „Vogtland Champagner“ wurde in ganz Deutschland, Holland und sogar auf der feinen Hamburg-Amerika-Linie angestoßen.

Die Kriegsfolgen trafen die beiden Familienclans unterschiedlich. Die Günnels hatten Pech. Da ihre Ländereien knapp über hundert Hektar umfaßten, wurde das Gut samt Brauerei 1945 „über Nacht“ enteignet, Grenzquell wurde ein Volkseigener Betrieb (VEB). Die Brauerei der Männeis holte sich der Staat erst 1972 und fusionierte beide Betriebe zur VEB Exportbierbrauerei Wernesgrün.