Von Walter Jens

Nur eine Woche noch – und die Straßenreiniger begeben sich ans Werk. Plakate werden abgehängt, Parolen zerrissen, Papierschnipsel zusammengeharkt. Der Alltag kehrt zurück, und wir, "die Bürger draußen im Land", ziehen Bilanz, während die Großen und Eleganten, Zupackenden und Alerten beiderlei Geschlechts sich an die Arbeit machen (oder auch nicht). Volksvertreter, deren Konterfeis in den vergangenen Wochen wenig Zweifel verrieten, als sie auf die Millionen von Arbeitslosen zu ihren Füßen hinabschauten, bedenken die Kosten: "Hat sich’s gelohnt?" ("Wozu nu det janze Jedöns?" pflegte die Hausfrau in Köln zu sagen, wenn die Soireen, zu keiner Verlobung der heiratsfähigen Töchter geführt hatten: So geschehen, nach 1900, in der rheinischen Großbourgeoisie.)

Und nun stelle man sich vor, auf den Plakaten seien statt all der zum Sieg schreitenden Optimisten unter der Devise "Nein, so darf es nicht bleiben" zum Beispiel Kinder gezeigt worden, Töchter und Söhne von Menschen, die "Langzeitarbeitslose" genannt werden, Heranwachsende ohne Zukunftsperspektive, Undenkbar! Eine aberwitzige Vision!

Nein, das "Anders wär’s besser", ins Bild gesetzt aus der Perspektive von unten, trat während des Wahlkampfs kaum ins Bild. Während sich die Bestimmenden farbkräftig präsentierten, blieben die Bestimmten im Dunkel: Objekte, die in einer Situation, da die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird, kaum eine Chance haben, Subjekt zu werden – es sei denn, die Parteien entschlössen sich, die Lage der Nation einmal aus der Sicht von Textilarbeiterinnen außer Diensten zu betrachten, Stellungslosen aus der Lausitz zum Beispiel.

Das Bild einer einzigen Frau, einer Witwe ohne Arbeit, die in der Umgebung von Bautzen bald auch ihre Wohnung verlieren wird, weil der Großneffe des Altbesitzers plötzlich sein Herz für die alte Heimat entdeckt – das Bild dieser Frau, porträtiert in Käthe Kollwitzscher Manier, hätte die Mehrzahl der Plakate von Hochmögenden (alle gottlob denn doch nicht) zu Larifari-Postern gemacht – mitsamt ihren Slogans. (Die Zweitstimme ist Kanzlerstimme; die Zweitstimme für die FDP: Glaubt man im Ernst, die Wähler würden angesichts dieser sich widersprechenden Parolen noch an eine vernünftig und partnerschaftlich arbeitende Koalition glauben und die Wahrheit nicht erkennen: hier der mächtige Führer, dort die Rockschoß-Partei?)

Nein, es wird wenig nachgedacht, wenn’s um die Erhaltung der Macht geht. Kein Wunder, daß den Koalitionären auf der Rechten offenbar nicht einmal der Gedanke gekommen ist, es könne ein Land, in dem selbst Tirpitz und Ludendorff mit ihrem Namen heute noch Lokalitäten "ehren", kaum auszeichnen, wenn es Menschen mit Zivilcourage, Unbotmäßigen und Außenseitern das ihnen zugefügte Unrecht beläßt. Keine Chance für Carl von Ossietzky, daß das gegen ihn ergangene Schandurteil revidiert wird. "Der Verurteilte ist als politischer Überzeugungstäter nicht anzusehen", ließ anno 1932 der Herr Oberreichsanwalt wissen.

Ossietzky – ein ganz gewöhnlicher Krimineller: So etwas sitzt und bleibt haften, nicht anders als die Diskriminierung der Wehrdienstverweigerer und Deserteure in nationalsozialistischer Zeit – eine Verurteilung, die zurückzunehmen CDU und FDP sich weigerten: Im Wahlkampf nimmt sich eine Ehrenerklärung für sogenannte Fahnenflüchtige, so scheint es, eher schlecht aus.