Es ist schon sehr die Frage, ob die Festredner und andere Hudler, die neulich seinen siebzigsten Geburtstag begingen, überhaupt daran dachten, daß zu Siegfried Unselds nicht wenigen Großtaten auch die Hebammenarbeit bei der Gründung des Buchversands Zweitausendeins gehört. Zwei Versuche brauchte es immerhin. Ein Preisausschreiben war der Anfang. Ein Preisausschreiben für das beste Schaufenster, das interessierte den jungen Buchhändler, der 1960 aus der niedersächsischen Kleinstadt Sarstedt („Bloß weg von da!“) nach Frankfurt, in die Metropole, gekommen war. Lutz Reinecke gestaltete ein Schaufenster mit lauter verbotenen Büchern, das Fernsehen, die Zeitungen kamen, freuten sich über den Eifer, lobten den jungen Mann. Der gewann den Preis und durfte sich aussuchen, wohin er fahren wolle: zum Suhrkamp-Autor Frisch nach Zürich, zum Suhrkamp-Autor Johnson nach Berlin oder zum Suhrkamp-Autor Enzensberger nach Norwegen. Weil das am weitesten weg war von Frankfurt, reiste der junge Buchhändler nach Stranda, wo damals Enzensberger auf einer ziemlich einsamen Insel lebte. Leider wußte Enzensberger gar nicht, daß er Unselds Hauptpreis war, nahm Lutz Reinecke gleichwohl freundlich auf und überließ ihm sein Haus sogar für ein paar Tage. Die legendäre Suhrkamp-Kultur.

Unseld seinerseits nahm den jungen Buchhändler in sein Haus und übergab ihm den Suhrkamp-Vertrieb. Weil die sechziger Jahre langsam doch in Schwung kamen, wurde es sogar in der Bundesrepublik vorübergehend ernst, oder doch beinah. Die Studenten demonstrierten für den Umsturz, Springer hetzte dagegen, die Studenten blockierten die Auslieferung der Bildzeitung (muß eine tolle Zeit gewesen sein, damals), und der Dichter Enzensberger, der ehemalige Hauptpreis, ging durch den Suhrkamp Verlag und flüsterte jedem einzelnen Angestellten zu: „Mehr Gehalt verlangen!“

Als Lutz Reinecke sich 1968, statt mehr Gehalt zu fordern, unerlaubt von seinem Arbeitsplatz entfernte, um vor der Paulskirche gegen den neuesten Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels zu protestieren, den Herrn Präsidenten Leopold Senghor, versorgte Verleger Unseld seinen Angestellten mit dem nötigen Karriereschub und setzte den Umstürzler vor die Tür. Suhrkamp-Kultur eben.

Reinecke arbeitete kurz bei der leider untergegangenen Zeitschrift Pardon und machte sich schließlich zum Oktober 1969 selbständig und seinen Versandverlag auf. Der hieß Zweitausendeins, weil seinerzeit ein Science-fiction-Film mit diesem Titel im Kino lief und ohne einen Joint nicht zu verstehen war. Versandbuchhandel war auch Bildungsarbeit: Das platte Land, das bekanntlich voller Anarchisten steckt, die nur durch die unwegsamen Straßen vom Sturm auf die Metropolen abgehalten werden, sollte nicht mehr ausgeschlossen sein vom revolutionären Kampf.

Schwer politisch war man damals, subversiv geradezu. Comics und Aufkleber mit „Freakadellen“ und „Bulletten“ gingen weg wie nix, als der Radikalenerlaß kam und die FDGO-Polizei gleich hinterher, und hinter jeder zweiten Milchkanne lauerten Sympathisanten. Politisch, aber auch poetisch, denn Zweitausendeins versorgte seine Kunden zuverlässig mit billigen Platten und Büchern für die Eingeweihten. Die unvergleichliche Reihe der „Haidnischen Alterthümer“ erschien, von Arno Schmidt inspiriert, bei Zweitausendeins. Wezel und Grosse zum erstenmal seit bald 200 Jahren. Zweitausendeins druckte Enzensbergers Kursbücher nach, die Akzente und die Fackel von Karl Kraus; lebensnotwendige Möbel für jeden denkenden Haushalt.

Zum Ende der siebziger Jahre befiel Lutz Reinecke eine schlimme Depression. Ein Freund erzählte ihm vom Umweltbericht der amerikanischen Regierung. Reinecke flog nach Washington, las den Brocken im Hotel und war „zu Tränen bestürzt“. Was er immer befürchtet hatte, stand hier zu lesen: Der Weltuntergang wurde nicht nur angekündigt, sondern auch noch datenreich begründet. „Global 2000“ wurde in der Bundesrepublik (nicht in den USA) der erste alternative Bestseller, ein Altpapierpacken, der in keiner besseren Wohnung fehlen durfte: 530000mal der Weltuntergang vor der Haustür.

Zweitausendeins versorgte die Nachrüstungszeit mit Kampfliteratur, druckte John Heartfield nach und die Magnum-Photographien aus den bisherigen Kriegen. Es konnte nur noch schlimmer kommen. Für Lutz Reinecke, der inzwischen ein zweites Mal geheiratet hatte und „aus Liebe zu meiner Frau“ jetzt Lutz Kroth hieß, ging es dennoch aufwärts aus dem Tal des Todes. Die „Homöopathie für den Hund“, ein, wie er noch immer findet, „politisches Buch“, sollte weiterdenken helfen. Wenn die Welt draußen vor die Hunde ging, Harrisburg brannte, Sellafield leckte, die SS-20 disloziert wurde und Helmut Kohl Bundeskanzler, mußte man wenigstens auf sich schauen.