Lissy Schmidt hat das Erscheinen ihres letzten Buches nicht mehr erlebt: Am 3. April dieses Jahres beendete ein Attentat nahe der Provinzhauptstadt Sulaymania in Irakisch-Kurdistan ihr Leben und das ihres kurdischen Sicherheitsbegleiters.

Sie war die einzige ausländische Journalistin, die seit Mitte der achtziger Jahre ständig in kurdischen Gebieten lebte. Sie beherrschte die kurdische Sprache mit ihren beiden Hauptdialekten, Kirmanji und Sorani. Aufgrund dieser Kompetenz arbeitete sie für die Frankfurter Rundschau (unter dem Pseudonym Milena Ergen), den Berliner Tagesspiegel und für verschiedene Rundfunk- und Fernsehanstalten. Wegen ihrer couragierten journalistischen Tätigkeit war Lissy Schmidt bei den Kurden sehr beliebt.

Das merkt man auch in ihrem Buch, zum einen durch ihre weitreichenden Recherchen, die auf große Bewegungsfreiheit quer durch die kurdisch kontrollierten Gebiete deuten; zum anderen kommen in ihren Interviews und Reportagen Menschen aus allen Berufsgruppen und sozialen Schichten zu Wort. In fünfzehn Episoden berichtet sie über ihre zweijährigen Erfahrungen in Irakisch-Kurdistan: über die Haltung der Kurden zum zweiten Golfkrieg bis zu Aufständen in den kurdischen Städten und Kämpfen gegen die irakische Armee, die schließlich zu einer Befreiung eines Großteils des kurdischen Territoriums führten. Spannend und zugleich kenntnisreich werden die erste kurdische Parlamentswahl und die Gründung des kurdischen Föderalstaates im Norden des Irak am 19. Mai 1992 beschrieben.

Das Buch macht deutlich, daß das Hauptdilemma dieses Föderalstaates seine geopolitische Lage ist. Seine Nachbarn Türkei, Iran und Syrien haben wiederholt ihre ablehnende Haltung gegen die Gründung eines kurdischen Staates bekundet. Denn auch in ihren Grenzen leben Millionen Kurden. So befindet sich die selbstverwaltete Region mit drei Millionen Einwohnern in einer Zwickmühle: einmal durch das UN-Embargo gegen Irak, zum anderen durch das Embargo aus Bagdad. Selbstverständlich lehnt Saddam sowohl die Schutzzone als auch die Föderation strikt ab.

Die Kurden haben mit dem Tod von Lissy Schmidt nicht nur eine Freundin, sondern eine aktive Vermittlerin zur Außenwelt verloren. Nach ihrer Ermordung wurden im gesamten befreiten Gebiet für sie und ihren Begleiter Mahnwachen und Trauermärsche veranstaltet, und die kurdische Regierung will ihr in Sulaymania ein Denkmal errichten. Shahow Wali

  • Lissy Schmidt:

Wie teuer ist die Freiheit?