Von Jürgen Dahl

Spät im Sommer kam die Einladung: zur Landesgartenschau des nächsten Jahres in Grevenbroich einen kleinen Garten beizusteuern, mit einem Thema nach eigener Wahl.

Eine schwierige Wahl – und Eile war geboten, denn die Eröffnung ist am 5. April. Vielleicht ein Garten der Lüste, mit allerlei pflanzlichen Aphrodisiaka? Der würde wohl fortwährend ausgeraubt und müßte immerzu nachgepflanzt werden. Ein Grippegärtchen mit allen Pflanzen, die bei Unpäßlichkeiten im HNO-Bereich wohltätig wirken? Das interessiert im Sommer niemanden.

Dann kam die Erleuchtung: ein Stinkgärtchen, als Alternative zu den üblichen Duftgärten mit ihrem immergleichen RosenLavendelThymian-Inventar. Übel soll es riechen, nach faulem Fisch (der Stinkende Gänsefuß), nach angebranntem Schweinebraten (der Doppelsame), nach Aas (die Drachenwurz) und nach wet fox, welches der zutreffende englische Name für eine Pflanze ist, die im Deutschen ganz irreführend "Rosenwaldmeister" heißt.

Da war ein Schönfärber am Werk. Umgekehrt gab es immer wieder Botaniker, deren Nasen geradezu hypochondrisch empfindsam gewesen sein müssen, weil sie bei der Namengebung "foetida" oder gar "foetidissima" riefen, obwohl man an diesen Pflanzen lange schnuppern kann, ohne auch nur die Andeutung eines schlechten Geruchs wahrzunehmen. Ein Opfer solcher üblen Nachrede ist Iris foetidissima, eine Schwertlilienart, die gerade jetzt ihre korallenroten Fruchtstände aufbrechen läßt.

Gerüche sind offenbar Geschmackssache. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, daß die Rezeptoren für die Moleküle der riechenden Stoffe in jeder Nase unterschiedlich entwickelt sind. Jedenfalls erwies sich bei den Vorarbeiten für das Stinkgärtchen, daß die Ansichten über den Geruch mancher Pflanzen oft weit auseinandergehen.

Korianderblätter zum Beispiel riechen, den Botanikbüchern zufolge, höchst unangenehm nach Wanzen – aber in manchen Ländern Asiens und Südamerikas sind sie ein beliebtes Gewürz. Die Rauke, südlich der Alpen von jeher eine geschätzte Salatpflanze und inzwischen auch bei uns immer öfter in den Gärten ausgesät, schmeckt sehr apart, riecht aber wie vergammelter Grünkohl. Und die Madonnenlilie, Sinnbild von Reinheit und Unschuld, hat einen betörend erotischen Duft – aber es gibt viele Menschen, die ihn als abstoßenden Gestank empfinden. Möglich, daß in diesem Fall, wie bei manchen Parfüms, das Blumenhaft-Liebliche dem Animalisch-Leiblichen zu eng benachbart ist, lockend und abstoßend zugleich. Da tappen wir wohl im Dämmer unserer stammesgeschichtlichen Vergangenheit umher, deuten und urteilen nach sehr urtümlichen und ganz unbewußt bleibenden Kriterien, die zu tun haben mit Partnersuche und olfaktorischen Lustsignalen.