Von Erika Martens

Eigentlich hätten Helga und Harald Steiner sich nach dem Ende der DDR einen geruhsamen Lebensabend gönnen können. Doch das stand für die heute 58jährige Thüringerin und ihren acht Jahre älteren Ehemann nicht zur Debatte. „Wir sind alte Spielzeughasen“, sagt Helga Steiner. „Wir mußten weitermachen.“ Und so beschlossen beide im Herbst 1990, sich noch einmal als „Jungunternehmer“ zu versuchen. Mittlerweile hat sich die Steiner GmbH Spielwarenfabrik mit Plüschtieren der gehobenen Preisklasse einen Platz in dem heißumkämpften Markt erobert.

Im thüringischen Georgenthal, dort wo Franz Schmidt, der Großvater von Harald Steiner, 1889 seine „Spielwaarenfabrik“ gegründet hatte, bauten sich die Enkel zum zweitenmal eine Existenz auf. Mitte der fünfziger Jahre, als der alte Betrieb abgebrannt war, hatten sie schon einmal bei Null angefangen. Harald Steiner, eigentlich Elektroingenieur, wurde damals von der Familie zum Geschäftsführer bestimmt. Allein mit Puppen, die das großväterliche Unternehmen zu einem der Branchenführer seinerzeit gemacht hatten, ließ sich der Betrieb nicht halten. Die DDR-Regierung, die sich anschickte, Thüringens Spielwarenindustrie zusammenzulegen, teilte dem Privatunternehmen einfach keine Maschinen mehr zu.

Steiners mußten sich etwas einfallen lassen. Und so kaufte Helga Steiner eines Tages ein Bambi aus Plüsch und trennte das Tier auf, um zu erkunden, wie man so etwas fabriziert. Mit den Nähmaschinen, auf denen bis dahin Puppenkleider geschneidert wurden, Holzwolle und Plüsch entstand das neue Produkt. „Die ersten Bären waren wirklich häßlich“, gibt das Ehepaar heute zu. Doch Aufgeben kam nicht in Frage. Mit liebenswürdiger Beharrlichkeit, die auch heute der Schlüssel zu ihrem Erfolg ist, machten sie auf dem einmal eingeschlagenen Weg weiter, und es dauerte nicht lange, da fanden Teddys, Hunde und andere Stofftiere ihre Abnehmer.

Mit dem selbständigen Unternehmertum war es 1972 jedoch von einem Tag auf den anderen vorbei. Die Fabrik von Franz Schmidt, die zuletzt mehr als hundert Menschen Arbeit bot, wurde im Rahmen der großen Verstaatlichungsaktion zur bloßen Produktionsstätte im VEB Biggi Waltershausen. Helga Steiner blieb als Werksleiterin im früheren Betrieb, ihr Mann wurde Absatzdirektor im VEB. Selbst als Verkaufschef eines exportorientierten Betriebes durfte Steiner nicht ins Ausland. Zum einen waren weder er noch seine Frau SED-Mitglied, zum anderen waren sie nicht bereit, ihre Kontakte zu den Verwandten in der Bundesrepublik abzubrechen.

Gleich nach der Wende beantragte die Erbengemeinschaft die Reprivatisierung des Familienunternehmens. Doch die ist bis heute nicht über die Bühne. Die beiden Steiners („in unserem Alter kann man nicht mehr lange warten“) entschlossen sich, nach vielen schlaflosen Nächten, eine neue Firma zu gründen.

Die Biggi mit ihren knapp 2000 Beschäftigten wurde am 30. September 1990 aufgelöst. Am 1. Oktober fingen 35 von ihnen neu an – am alten Arbeitsplatz in der Franz Schmidtschen Fabrik, mit ein paar der alten Nähmaschinen, ihrer früheren Werksleiterin und deren Ehemann als Berater. „Es war ein Abenteuer, das so nur in der Umbruchzeit möglich war“, meint Harald Steiner. Startkapital hatten Steiners nicht, nur ein paar Aufträge zur Überbrückung der ersten Monate hatte der VEB-Direktor aus Biggi-Zeiten hinübergerettet. Den Mitarbeitern sagten sie vorsichtshalber: „Es kann sein, daß es die erste Zeit etwas holprig geht.“ Aber stolz verweisen sie darauf, daß die Löhne dennoch immer pünktlich bezahlt wurden.