Von Gunhild Lütge

Dietmar Kuhnt, Chef der RWE Energie AG, würde am liebsten möglichst bald ein Monopol knacken. Allerdings nicht unbedingt das eigene, sondern das der Telekom. Und damit liegt er ganz im Trend.

Überall in Europa steht das Thema derzeit zur Debatte. Vorbild sind die Vereinigten Staaten. „Können Sie sich noch daran erinnern, als es nur eine einzige Telephongesellschaft gab, die von allen gehaßt wurde?“ fragte jüngst das amerikanische Wirtschaftsmagazin Fortune seine Leser. Diese Zeit liegt in den USA lange zurück. Bald wird auch in Deutschland eine neue Ära anbrechen.

Große und finanzstarke Konzerne wie das RWE, aber auch Mannesmann, Veba oder Viag arbeiten fieberhaft an Konzepten für den Einstieg ins Geschäft mit der Telekommunikation. Auch die Deutsche Bank und die Bahn sind mit von der Partie. Und nicht zuletzt haben ausländische Gesellschaften wie der amerikanische Konzern AT & T oder die britische BT den deutschen Markt längst im Visier. Sie alle wollen dem staatlichen Fernmelderiesen so schnell wie möglich Marktanteile abjagen – und warten nur noch auf den Tag X, jenen Tag, an dem die traditionellen Fernmeldemonopole fallen. Und der rückt immer näher.

Bislang sind ihrem Expansionsdrang noch Schranken gesetzt. Zwar dürfen schon heute Wettbewerber wie Mannesmann Mobilfunknetze betreiben, Daten übertragen oder beispielsweise für Firmen den internen Telephonverkehr managen. Versagt ist es ihnen aber noch, für jedermann Gespräche zu vermitteln und eigene Fernmeldenetze zu betreiben.

Um bei diesem Milliardengeschäft möglichst schnell mitmischen zu können, setzten die potentiellen Rivalen der Telekom Bundespostminister Wolfgang Bötsch mächtig unter Druck, den lukrativen und wachsenden Markt endlich auch für andere Anbieter zu öffnen. Wie Dietmar Kuhnt vom RWE will auch Veba-Chef Ulrich Hartmann endlich Klarheit. Seine Forderung: „Das Netzmonopol muß deutlich früher als das Telephondienstmonopol aufgehoben werden.“ Ebenso drängt der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT). Er sähe es am liebsten, wenn die Monopole bereits 1996 abgeschafft würden. Wegen der viel zu hohen Gebühren hierzulande sei sonst der Wirtschaftsstandort Deutschland in Gefahr.

Der Postminister zeigte Einsicht. Allerdings ließen sich bis heute nicht alle seiner europäischen Kollegen überzeugen. Zwar einigten sie sich bereits darauf, daß Sprachdienstmonopol 1998 zu kippen. Doch den Betrieb der Netze möchten einige gerne noch länger in der Regie der – meist noch staatlichen – Monopolisten belassen. Mit Spannung wird deshalb das Treffen der zuständigen Minister in Brüssel Mitte November erwartet. Für den Fall, daß dort kein Konsens erreicht wird, dachte Bötsch bereits vor den Wahlen über einen deutschen Alleingang laut nach.

Verbindliche Zusagen sind für die potentiellen Wettbewerber deshalb so wichtig, weil sie Planungssicherheit brauchen. Schließlich wird der Ausbau von konkurrierenden Netzen viele Milliarden verschlingen – für alle Investoren ein enormes Risiko. Und so wundert es nicht, daß ausgerechnet finanzkräftige Stromversorger, die selbst noch über komfortable Gebietsmonopole verfügen, die stärksten Ambitionen haben, die Liberalisierung in der Telekommunikation als Chance zur Expansion zu nutzen.

Gegenüber möglichen Wettbewerbern aus anderen Branchen genießen sie einen ganz besonderen Vorteil: Stromversorger durften, ebenso wie die Bundesbahn, schon immer jenseits des Fernmeldemonopols eigene Netze für die firmeninterne Kommunikation betreiben. Die brauchen sie. jetzt nur auszubauen.

Gute Chancen malt sich deshalb Veba-Chef Ulrich Hartmann aus. Er baut nicht nur auf die bereits vorhandene Infrastruktur der Energie-Tochter PreussenElektra. Jüngst verkündete er auch noch eine Kooperation mit der Deutschen Bahn. Beide planen ein gemeinsames Unternehmen, an dem Veba die Mehrheit halten will. Der Clou: Veba sichert sich dadurch ein bundesweites Wegerecht. Das weitverzweigte Kommunikationsnetz der Bahn entlang der Schienen kann nämlich ohne langwierige Verhandlungen mit Grundstücksbesitzern oder Kommunen problemlos ausgebaut werden. Hartmann: „Wir wollen uns als einer der führenden Anbieter positionieren.“

Zu diesem Zweck wurde bereits die Tochtergesellschaft Vebacom gegründet. Unter ihrer Regie werden die vielfältigen Pläne gebündelt. Denn Veba will nicht nur ein eigenes Festnetz errichten. Das Unternehmen ist auch an E-plus, dem dritten Mobilfunkbetreiber in Deutschland, beteiligt. Mit zehn Prozent wird es auch dabeisein, wenn der amerikanische Elektronikriese Motorola 66 Satelliten in den Orbit schießt, über die dann weltweit und mobil telephoniert werden kann.

Engagiert ist Veba außerdem bei den Gesellschaften Miniruf und Teleport Europe. Dort aber hat Hartmann neuerdings und unverhofft einen künftigen Rivalen zum Partner: RWE-Energie-Chef Dietmar Kuhnt. Er verkündete in der vergangenen Woche, sich bei den beiden Unternehmen eingekauft zu haben – Coopetition, eine Wortschöpfung aus Cooperation und competition, nennt die Branche derlei Verstrickungen neuerdings.

Kuhnt hat nicht minder ehrgeizige Pläne als sein Kollege von Veba. Das RWE übernahm vom Preussag-Konzern nicht nur dessen Anteile bei Miniruf und Teleport, sondern schluckte auch komplett die Talkline-Gruppe. Sie führt die Liste jener Dienstleister an, welche die Mobilfunknetze vermarkten.

Richtig Schlagzeilen machte das RWE aber schon, als es im November 1993 eine spektakuläre Allianz ankündigte. Gemeinsam mit der Deutschen Bank und Mannesmann soll das Geschäft mit der Telekommunikation vorangetrieben werden. Auch beim RWE gibt es dafür bereits eine eigene Tochter: die RWE Unitel AG.

Eher leise bastelt die Viag an ihren Plänen. Mit dem Bayernwerk im Portefeuille verfügt auch sie bereits über eine ansehnliche Tele-Infrastruktur. Und auch sie hat bereits eine spezielle Tochter gegründet: die TB & D. „Deren Ziel ist es, sich bis zum endgültigen Fall der Monopole im Bereich Telekommunikation als allgemeiner Anbieter mit besonderer Nutzung der Festnetze zu etablieren“, heißt es nicht weniger angriffslustig. Positiv registriert hat das Unternehmen die Regierungserklärung des bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber. Der hat angekündigt, den Aufbau einer alternativen Telekommunikations-Infrastruktur in seinem Land gezielt zu fördern.

Die neuen Wettbewerber haben allerdings zunächst nur die Großkunden aus der Wirtschaft im Auge. Den vielen Millionen Privatkunden der Telekom wird die Konkurrenz in absehbarer Zeit nichts Neues bringen. Der Grund: Die Einsteiger sehen kein Geschäft darin, ihr Geld in Form von Kabeln überall und bis zu jeder Haustür in der Erde zu vergraben. Denn das ist extrem teuer. Damit sich ihr Investment in einem überschaubaren Zeitraum rechnet, können sie den Ausbau ihrer eigenen Netze, die heute noch einem Flickenteppich gleichen, nur mit viel Bedacht und auf gut frequentierten Strecken zwischen den Wirtschaftsmetropolen vorantreiben. Immer dort, wo ihre Kabelstränge enden, werden sie deshalb noch auf die flächendeckende Infrastruktur der Telekom angewiesen sein. Nach dem neuen Prinzip Coopetition konkurriert also der Exmonopolist mit seinen Rivalen, die zugleich Geschäftspartner sind – auch hier der Beginn einer spannungsreichen Beziehung.

Völlig offen ist nämlich noch, in welcher Form und in welchem Umfang die Telekom für den teuren Betrieb der Regional- und Ortsnetze von ihren Konkurrenten einen Ausgleich erhalten soll. Nur ein intelligentes Regulierungsmodell kann dieses Problem lösen.

Das Thema beschäftigt auch andere Fernmeldegesellschaften in Europa. Felix Rosenberg, der Chef der Schweizer Telekom, stellt klar: „Ich habe nichts gegen Wettbewerb. Aber es kann nicht sein, daß Konkurrenten profitable Strecken zum Beispiel zwischen Genf und Zürich betreiben und wir für die Alpen zuständig sind.“ Die Folge könnte nämlich sein, daß die Gebühren in schwach besiedelten Regionen steigen. Der Chef von France Telecom, Marcel Roulet, fordert deshalb eindringlich: „Wir brauchen jetzt klare und dauerhafte Spielregeln. Auf einem Markt wie der Telekommunikation, der für die Weltwirtschaft lebensnotwendig ist, darf nicht das Gesetz des Dschungels herrschen.“ Selbst in den Vereinigten Staaten und Großbritannien, wo die Märkte schon lange Zeit liberalisiert sind, wird das Thema im Rahmen der vielzitierten Datenautobahnen jetzt wieder neu belebt.

Die etablierten Telephongesellschaften dieser Welt rüsten sich derweil für die Schlacht um die Großkunden aus den Reihen der international agierenden Konzerne. Mächtige, globale Allianzen entstehen, die den Multis demnächst ihre weltweiten Dienste anbieten wollen. Die britische BT kooperiert mit den Telekomgesellschaften in Dänemark, Finnland sowie Norwegen und verschafft sich dadurch einen Zugang zum skandinavischen Markt. Außerdem kaufte sich BT bei MCI ein, der zweitgrößten Fernmeldegesellschaft in den USA. Die Nummer eins, AT&T, wiederum sucht die Nähe zu Unisource, einer Kooperation zwischen den Niederländern, Schweden, Schweizern und Spaniern.

Die deutsche Telekom, die vom kommenden Jahr an als Aktiengesellschaft firmiert, ist mittlerweile eng mit ihrem französischen Pendant verbandelt. Beide wollen bei Sprint einsteigen, dem drittgrößten Fernmelder der Vereinigten Staaten. Diesen Wunsch nutzte AT&T-Chef Robert E. Allan jetzt wiederum, die Regierung Clinton aufzufordern, eine Öffnung der Märkte in Europa zu erzwingen. Das Kooperationsfieber, ausgelöst durch die Pläne zur Liberalisierung, beschleunigt auf diese Weise nun selbst die Öffnung der Märkte. „Ist das Dynamik oder schon Hysterie?“ fragte jüngst Telekom-Chef Helmut Ricke.

Iain Vallance, der Chef von BT, spricht bereits von einem „hübschen Paradoxon“, mit dem die Wettbewerbshüter in Brüssel zu kämpfen hätten. Einerseits sei es bei offenen Märkten wünschenswert, daß Dienstleistungen in der Telekommunikation europa- oder gar weltweit angeboten würden. Andererseits widerspreche es aber dem Liberalisierungsgedanken, wenn sich ausgerechnet jene, die ihre Heimatmärkte dominierten, zusammentun, um einen solchen Service anzubieten. Die Botschaft kam in Brüssel an. EU-Wettbewerbskommissar Karel van Miert sagte jedenfalls zu, die neuen Allianzen sehr kritisch zu prüfen: Er will nicht, „daß ein paar große Brüder alles tun können, was sie wollen“. Und ein EU-Beamter, der sich vom Wall Street Journal lieber nicht namentlich zitieren ließ, gab zu, daß die neuen Bündnisse „delikate Fragen aufwerfen“.

Felix Rosenberg von der Schweizer Telekom nimmt kein Blatt vor den Mund. Er fürchtet, daß „die Monopole durch gut funktionierende Kartelle“ abgelöst werden, die niemand mehr kontrollieren könne. Werner Knetsch von der internationalen Unternehmensberatung Arthur D. Little ist davon überzeugt, daß es „Ende dieses Jahrtausends nur drei bis fünf globale Betreiber von Telekommunikationsnetzen geben wird“. Bis dahin sind es nur noch etwas mehr als fünf Jahre. Es wird also Zeit für die Einsteiger, wenn sie tatsächlich mitmischen wollen.

Das amerikanische Magazin Fortune warnt derweil die Telephongesellschaften im eigenen Lande: „Vorsicht. Wenn Sie zu groß und zu reich werden, fangen die Leute wieder an, Sie zu hassen.“