... das Buch von Richard Chaim Schneiden Zwischenwelten (Ein jüdisches Leben im heutigen Deutschland; Kindler Verlag, München 1994; 320 S., 38-DM). Es ist eine sehr persönliche Innenansicht jüdischen Lebens in Deutschland. Der Autor, Jahrgang 1957, Kind ungarischer Schoah-Überlebender, aufgewachsen im Nachkriegsdeutschland, ist wie so viele Angehörige der sogenannten Zweiten Generation gezeichnet von dem Bewußtsein, einer Generation anzugehören, die keinen wirklichen Boden mehr unter den Füßen hat. Wie so viele jüdische Kinder ist auch er in der Furcht der Eltern erzogen worden, „irgendwann geht alles von vorne los“. Ihm wurde deshalb die jüdische Lebensmaxime eingeimpft: „Hüte dich vor den Gojim, sei besser als sie, denn nur so hast du eine Chance zu überleben“.

Schneider weiß sehr einfühlsam die Seelenlage junger Juden zu beschreiben, die in Deutschland geboren, in die deutsche Sprache und Kultur hineingewachsen, aber gerade dadurch dem Judentum weitgehend entfremdet worden sind. Sie leiden darunter, mit Riten und Traditionen der aus Osteuropa stammenden Eltern leben zu müssen, deren tieferen Sinn sie nicht mehr begreifen. In gewisser Weise ist es das Phänomen, das Franz Kafka gedeutet hat als die Erfahrung des jüdischen Menschen in der Moderne, der unter dem Gesetz leidet, aber die Bedeutung des Gesetzes vergessen hat.

Junge Juden in Deutschland leben heute in einem inneren Zwiespalt. Gequält von dem Wissen, was in den Jahren vor 1945 den Juden geschah, gleichzeitig aber aufgewachsen in einer Gesellschaft, die sich an nichts mehr erinnert. Das ist für viele kaum zu ertragen. Manche verlassen deshalb das Land, das nicht wenige, besonders nach der Vereinigung, zu ängstigen beginnt. Diejenigen, die sich arrangieren, leben zwar in Berlin, Frankfurt oder München, können sich aber nicht mit Deutschland identifizieren. Einige haben, obgleich sie die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen könnten, einen Fremdenpaß in der Tasche („Jeans-Paß“, wie er seiner Farbe wegen von jungen Juden genannt wird), um damit deutlich zu machen, daß sie sich nicht als Deutsche begreifen können und wollen.

Als ich das Buch in die Hand nahm, dachte ich: Schon wieder eines dieser Bekenntnisbücher! Doch ich muß zugeben, daß ich angenehm enttäuscht worden bin. Schneiders „Innenansicht“ ist nicht nur gut geschrieben, sondern auch durchaus lesenswert.