Von Volker Ullrich

Der "Altonaer Blutsonntag" vom 17. Juli 1932 bildet ein wichtiges Datum in der Geschichte der Auflösung der Weimarer Republik. Er diente der autoritären Papen-Regierung als Vorwand, Um wenige Tage später, am 20. Juli, die sozialdemokratisch geführte Minderheitsregierung in Preußen mittels Staatsstreich aus dem Amt zu jagen. Damit war das letzte "republikanische Bollwerk" beseitigt; sechs Monate später war Hitler an der Macht. Daß jetzt, nach über sechzig Jahren, die Wahrheit über den "Blutsonntag" ans Licht kommt, verdanken wir dem pensionierten französischen Physiker und Hobbyhistoriker Léon Schirmann (Jahrgang 1919), der bereits mit einer bemerkenswerten Studie über den Berliner "Blutmai" von 1929 hervorgetreten ist. Er hat sich als erster die Mühe gemacht, die umfangreichen Ermittlungs- und Prozeßakten im Landesarchiv Schleswig auszuwerten. Das Ergebnis seiner Recherchen darf mit Fug und Recht als sensationell bezeichnet werden (siehe schon "Zeitläufte" Nr. 30 vom 17. Juli 1992): Von den achtzehn Toten gehen nur zwei SA-Männer auf das Konto von Kommunisten. Die übrigen sechzehn, sämtlich unbeteiligte Zivilisten, wurden Opfer eines Polizeimassakers.

Mit akribischem Spürsinn hat Schirmann untersucht, wie die Behörden den wahren Hergang der Ereignisse entstellten und vertuschten. Allein in der ersten amtlichen Bekanntmachung des Altonaer Polizeipräsidiums, dessen Leiter, der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Otto Eggerstedt, den Provokationsmarsch von 7000 SA-Männern durch die roten Viertel Altonas genehmigt hatte, weist er zehn grobe Unwahrheiten nach. Die schlimmste, die von den Historikern immer wieder unkritisch nachgebetet worden ist, war die Behauptung, die Kommunisten hätten auf den SA-Umzug mit einem Feuerüberfall durch Dach- und Heckenschützen geantwortet. In Wirklichkeit hatten die Polizeibeamten, auf die Bekämpfung eines kommunistischen "bewaffneten Aufstands" gedrillt, stundenlang Feuerüberfälle auf ganze Straßenzüge inszeniert. Über 5000 Schüsse wurden abgegeben, und es grenzt an ein Wunder, daß die wilde Schießerei nicht noch mehr Menschen das Leben kostete.

Der Zweck der amtlichen Desinformationspolitik war klar: Die Polizeiführung, welcher der Einsatz offenbar völlig außer Kontrolle geraten war, sollte entlastet, die ganze Verantwortung für das Blutbad den Kommunisten zugeschoben werden. Die SA-Leute aber, die mit antisemitischen Haßgesängen durch Altonas Straßen gezogen waren, protestierende Passanten zusammengeschlagen und – wie zahlreiche Zeugen aussagten – auch geschossen hatten, durften sich nun, dank der Schützenhilfe republikanischer Beamter, in der Rolle der verfolgten Unschuld sonnen.

Schirmanns im wahrsten Sinne aufregende historische Reportage wirft die Frage nach der Kontinuität zwischen der Spätphase der Weimarer Republik und der NS-Diktatur auf. Den behördlichen Unwahrheiten folgten noch vor dem 30. Januar 1933 die Fälschungen der ermittelnden Staatsanwälte. Diese wiederum dienten den Nazi-Blutrichtern als Grundlage für den Prozeß vor dem Altonaer Sondergericht, der mit der Hinrichtung von vier Kommunisten, unter ihnen der zwanzigjährige Bruno Tesch, am 1. August 1933 endete. (Die vier Todesurteile sind erst im November 1992 aufgrund der Recherchen Schirmanns aufgehoben worden!)

Polizeioberleutnant Franz Kosa, dessen Hamburger Kommando allein zwölf, wahrscheinlich sogar dreizehn Zivilisten erschossen hatte, machte im "Dritten Reich" Karriere. Er leitete das berüchtigte Hamburger "Kommando zur besonderen Verwendung", das Jagd auf Funktionäre der KPD und der SPD machte.

Schirmann spricht, bezogen auf den "Altonaer Blutsonntag", von einem "Vormassaker der NS-Zeit". In der Tat: Was am 17. Juli 1932 geschah, das bot bereits einen Vorgeschmack auf den blutigen Terror, mit dem nach der "Machtergreifung" die roten Hochburgen der Arbeiterbewegung überzogen wurden. In dieser Hinsicht bildete der 30. Januar 1933 keine einschneidende Zäsur.