Von Jens Reich

Am Mittwoch, den 18. Oktober 1989, war das erste Treffen der Berliner Gruppen des Neuen Forums angesagt. Wiederum konspirativ, in einer geräumigen Wohnung mit "Berliner Zimmer" in der Heinrich-Roller-Straße im Prenzlauer Berg, versammelten sich etwa, fünfzig Menschen. Noch bevor die Versammlung begann, wurde bekanntgegeben, daß Honecker aus gesundheitlichen Gründen abgesetzt sei. Sofort schaltete jemand das DDR-Fernsehen ein; es zeigte den Schriftzug: Egon Krenz an die Bürger der DDR. Einige Augenblicke später erschien Krenzens Gesicht auf dem Bildschirm. Er wartet auf ein Zeichen zum Start, ist aber, offensichtlich durch einen Regiefehler, schon auf Sendung. Er grinst, nur ein wenig, sein Blick ist eher trübselig, der Unterkiefer hängt schief. Alle im Raum lachen laut. Dann schreckt Krenz auf, offenbar hat er das rote Licht gesehen, rafft seine Gesichtszüge zusammen und beginnt zu lesen: "Liebe Genossinnen und Genossen!"

Erneut lautes Gelächter. Die nächste Panne. Offenbar liest er die falsche Rede, die nämlich vor dem Zentralkomitee einige Stunden zuvor, als er gewählt wurde. Hatten sie keine Zeit mehr zur Redaktion wenigstens der Anrede gehabt?

"Ich danke dem Zentralkomitee für sein Vertrauen. Mir ist das Gewicht der Verantwortung bewußt, dem ich mich stelle. In Eurem Auftrag, im Interesse unserer Partei und unseres Volkes bin ich bereit, diese Pficht zu übernehmen!"

"...Es ist mir in diesem Augenblick ein Bedürfnis, Genossen Honecker herzlich zu danken für seine Arbeit, die er in den vergangenen Jahrzehnten an der Spitze unserer Partei geleistet hat. Wir wünschen Dir, lieber Genosse Erich, vor allem Gesundheit. Wir sind überzeugt, daß unsere Partei auch künftig auf Dich bauen kann."

Und so weiter. Die alter Leier. Außer der Drohung, daß die Presse nicht zur Tribüne eines richtungslosen, anarchistischen Geredes werden kann, nichts, was das Zuhören lohnte. Der neue, Mann hatte sich bei seinem ersten Auftritt voll disqualifiziert.

Mit einem Satz ist Egon Krenz jedoch historischer Definitionsgeber geworden: "Mit der heutigen Tagung werden wir eine Wende einleiten." Seit fünf Jahren ärgere ich mich, daß in ganz Deutschland dieser Anspruch und diese Formulierung in den Sprachgebrauch übernommen wurden: vor der Wende, zur Zeit der Wende, nach der Wende, mit der Wende, seit der Wende. "Wendehals", was kurz darauf populär wurde (nicht erst durch Christa Wolf am 4. November), ist längst wieder ausgestorben. Nur Krenzens Wende ist in aller Munde. Wie sonst das Ereignis benennen? Selbstverständlich klingt "Revolution" zu pathetisch, sind "Aufruhr" und "Umsturz" seit Bismarck und Wilhelm II. historisch besetzt, haben die Nazis das Wort "Umbruch" belastet und verbraucht, geht "Umwälzung" nicht so recht in die flinke Kehle – aber ausgerechnet "Wende" für die bedeutendste geschichtswirksame Handlung, die jemals in Deutschland nicht als Diktat von oben, sondern als spontane Bürgerbewegung hervorgebracht wurde – das ist nun tatsächlich Freudsche Verdrängung. Eine Wende, eine kleine Drehung, Pferdewechsel, ein Wiederauftauchen nach dem Kopfsprung ins kalte Wasser, ein Purzelbaum, ein kurzes Blackout. "Wende" macht die Sache klein und verleiht ihr den Geruch einer von oben mit Weisheit und Einsicht eingeleiteten Maßnahme.