Und was hab ich erreicht? Bald bin ich tot. O Gott, laß Du den Kommunismus siegn!

Wolf Biermann

Seit Chemnitz wieder so heißt und nicht mehr Karl-Marx-Stadt, hat die Internationalisierung des Proletariats endlich die erhofften Fortschritte gemacht. Jeans Live und Textil-Leder-Chic gibt es neuerdings hinter der weltberühmten, meterhohen Marx-Büste zu kaufen, und gegenüber die "Calypso-Bar" bietet jeden Donnerstag eine "Lady’s Night", Eintritt und ein Getränk frei. Ganz links von Marx, die Welt ist platt in Chemnitz, leuchtet rot, so rot das A des Arbeitsamts.

1932 ist bei Ödön von Horváth der Kasimir "abgebaut" worden, und statt daß Karoline, "das wertvolle Weib", wie sie’s versprochen, nur "noch intensiver an ihm hängt", sucht sie sich einen anderen. Kasimir und Karoline, arbeitsloser Arbeiter und aufstrebende Büroangestellte, verloren sich damals auf dem Oktoberfest. Sie waren "zu schwer füreinander".

1994 am Abend vor der Bundestagswahl feiert das Chemnitzer Schauspielhaus die Uraufführung des Musicals "Knock out Deutschland!", nach Motiven von Horváths "Kasimir und Karoline". Die Szene ist diesmal nicht die Wies’n, sondern eine betonfade Stadthalle, in der ein deutscher gegen einen ausländischen Boxer kämpft. In den Katakomben des Boxrings geht es immer noch um Arbeitslosigkeit und wieder um verlorene Liebe. Lucky (Marc Hetterle) boxt ein wenig oder jetzt mehr, weil man ihn ausgestellt hat; seine Maus Barby (Petra Förster) geht gleich mit dem erstbesten mit, der ihr mehr zu bieten scheint und einen Anzug trägt. Ein Klassenfeind wäre dieser Klein früher gewesen, jetzt verkauft er Autos für einen dieser mafiosen Kapitalisten aus dem Westen, und als Dreingabe und weil er ja fortkommen will in seinem Beruf, verkauft er dem Bundi gleich auch noch die neue Freundin.

Als Rio Reiser 1967 die erste Rockoper schrieb, wollte er, anders als sein ehrgeiziger Bruder, nicht von Theater heute gelobt werden, sondern "die Massen" erreichen. Diese Massen werden in diesem Musical von Philipp Stölzl und Armin Peters, für das Rio Reiser dreizehn Songs geschrieben hat, ordentlich verwöhnt. Wer aber zufällig schon weiß, daß der Westen den Osten platt macht, ihm Schrottautos aufschwätzt und teure Versicherungen, wer schon mal davon gehört hat, daß Politiker sämtlich Nullen sind, und den Dr. Best ("Ihr Mann im Bundestag, in der Mitte ganz rechts außen") auch nicht gleich schenkelklopfend begrüßen kann, der hat bei diesem Musical nichts zu gewinnen. Marxgroß türmt sich Klischee auf Ressentiment, bis der vollendete Rolf-Hochhuth-GAU droht – wäre da nicht die Musik von Rio Reiser.

Es kommt zum Musical wegen seiner Songs. Man atmet immer auf, wenn die siebenköpfige Band halb aus dem Bühnenboden fährt, den rechtschaffenen Fortgang stört und ordentlich Krach macht. Wenn das Inszenierungsteam den bösen Westen und den armen Osten vergißt und die kreischend blöde Glücksrad-Fernsehästhetik mit Go-Go-Girls und Konfetti und einem geschenkten Porsche feiert, kreischend blöd, dann verlieren die Darsteller alle PDS-Schwerkraft. Ein dilettantischer Attentäter mildert den zähen Agitprop gelegentlich: ein spinnerter Uhu, der immer Jesum unsern Herrn anruft, sich eine Dornenkrone aufsetzt, das Kreuz über die Welt und sein Dynamitpaket schlägt, worauf ihm die Krone verrutscht, er noch mal segnen muß, die Zündschnur anfacht, aber eben nie den großen Schlag landet: gegen Ost und West und Dr. Best.

Sonst weiter wie bei Horváth: Lucky verliert seine Maus, gewinnt dafür die seines Kumpels Striker. Lola wird die neue Karoline für den alten Kasimir. Lola ist Katharina Groth und singt alle an die Wand. Und wenn Rio Reiser, der beim langen Schlußapplaus so schüchtern im Ensemble stand, dann noch das Mikro in die Hand genommen und "König von Deutschland" angestimmt hätte: Es wäre gewiß das reine Glück gewesen. So reicht es höchstens zu einem Lob in Theater heute. Willi Winkler