Von Hanns-Bruno Kammertöns

Es war im März 1988. Michael Hartmann weiß noch, daß er mit einer Freundin, die einen Kinderwagen schob, in der Nähe des Siegestores spazierenging. Auf den Parkstreifen links und rechts der Straße standen die Autos, aber nicht nur da. Wieder einmal waren viele Fahrzeuge auch auf dem Gehweg abgestellt, es war nicht einfach mit dem Kinderwagen. Plötzlich sei er stehengeblieben und habe auf eines dieser Autos gezeigt. „Regine, weißt du, ich werd’ jetzt drübersteigen über den.“ So fing alles an.

Er kletterte auf den Kotflügel, die Motorhaube hinauf, machte ein, zwei Schritte über das Dach, und als er über den Kofferraum wieder hinunter sprang, sagte Michael Hartmann zu Regine: „Der Mensch steht doch über dem Auto“ – und daß man dies den Leuten endlich auch zeigen müsse, mit „Carwalking“, wie er es nennen wollte.

In den nächsten drei Monaten stieg Michael Hartmann über mindestens 500 Autos, über einen Ferrari, über so manchen Ford und BMW sowie auch einen Jaguar, allesamt auf Münchner Gehwegen geparkt. Sorgfältig vermied er es dabei, die Wagen zu beschädigen. Beulen im Blech erkannte er als eine vorübergehende Erscheinung, „sie sprangen schnell wieder zurück“.

Die Bilanz jener Zeit: In wohl zwanzig Fällen führte ihn der Weg auch über Autos, in denen die Fahrer noch am Steuer saßen. Diese konnten das Geschehen („Hey, du Arsch“) meist nicht fassen, einige wirkten wie gelähmt. Hartmann nahm sich die Zeit und erklärte sein Begehren: „Auf dem Bürgersteig soll der Bürger steigen.“

Aber irgendwann dann, so räumt er heute ein, habe er einen „Fehler“ gemacht. Nach einem Carwalking habe ein BMW „eine Delle“ im Dach aufgewiesen, die nicht zurücksprang. Eine Anzeige wegen Sachbeschädigung war die Folge und eine Geldbuße von 150 Mark. Der Angeklagte habe rechts oder links an dem Auto vorbeigehen können, führte der Richter aus. Diesen Satz merkt sich Hartmann gut.

Müßten Autos dann nicht auch um ihn rechts und links herumfahren? Im November 1989 ist es soweit. Ein Samstag, Mittagszeit, dichter Verkehr zwischen Siegestor und Münchner Freiheit, Michael Hartmann begibt sich zu einem Spaziergang auf die Leopoldstraße, mittlere Spur, sein erstes „Streetwalking“. Während er rechts und links überholt wird, muß er sich aus den heruntergekurbelten Fahrzeugfenstern einiges anhören: „Hey du..., schlaf deinen Rausch woanders aus.“ – „Spinnst du denn?“ will jemand wissen, bevor er wieder aufs Gaspedal tritt. – „Nein, ich spinne nicht“, erwidert Hartmann auf diese Frage, die ihm in seinem Leben oft gestellt worden ist.