Ein diplomatisches Bubenstück ohne Beispiel: Für das Versprechen, sich künftig an den Atomwaffensperrvertrag zu halten, den Nordkorea schon vor neun Jahren unterschrieben hat, erhält das Regime in Pjöngjang eine schlüsselfertige moderne Atomkraftindustrie im Wert von vier Milliarden Dollar. Die Geschenkurkunde haben die Vereinigten Staaten ausgestellt, zahlen sollen vor allem Südkorea und Japan. Wahrlich eine fürstliche Prämie für jahrelangen Lug und Trug.

So die eine Lesart des Abkommens, das Nordkorea und Amerika am vergangenen Freitag in Genf unterschrieben haben: Pjöngjang habe ein Bombengeschäft gemacht – und Washington habe einen verheerenden Präzedenzfall geschaffen, signalisiere die Vereinbarung doch, daß nukleare Erpressung funktioniert.

Amerika hat nicht nur Leichtwasser-Reaktoren mit einer Gesamtkapazität von 2000 Megawatt bis zum Jahr 2003 zugesagt und jährlich 500 000 Tonnen Öl, die solange Nordkoreas Energieversorgung sichern sollen; es will auch die Handelsbeschränkungen aufheben, Verbindungsbüros sollen eingerichtet und, so sich die Beziehungen zu beiderseitiger Zufriedenheit entwickeln, Botschafter ausgetauscht werden. All das, was sich die Nordkoreaner bisher nur erträumt haben, wird plötzlich wahr: Amerika erkennt das Reich des verstorbenen Großen Führers Kim II Sung als ebenbürtigen Partner an.

Eine diplomatische Meisterleistung: So lautet die andere Interpretation der Genfer Vereinbarung. Denn Nordkorea hat sich bereit erklärt, sein gesamtes Atomprogramm einzufrieren. Die alten gräphit-moderierten Reaktoren, bei deren Betrieb massenhaft Plutonium abfällt, sollen stillgelegt, der Bau neuer Anlagen gleichen Typs soll gestoppt werden. Nordkorea verzichtet auf die Wiederaufbereitung, abgebrannte Brennstäbe sollen außer Landes gebracht werden. Die Inspektionen der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) sollen nicht länger behindert werden.

Ist die Welt also ein ganzes Stück friedlicher geworden, wie Bill Clinton das Vertragswerk rühmt? Oder hat der frühere amerikanische Energieminister James Schlesinger mit seinem sarkastischen Kommentar recht, Washington habe "keine bedingungslose, aber eine ausgehandelte Kapitulation" unterzeichnet?

Mißtrauischer als Washington und Pjöngjang können Verhandlungspartner einander kaum begegnen. Jeder unterstellt dem anderen jede Schandtat. Und so haben sich die beiden denn, ein kleines Kabinettstück des do ut des, auf einen präzisen Zeitplan genau aufeinander abgestimmter, sich gegenseitig bedingender Verpflichtungen verständigt. Der Vertrag gründet sich auf solide Interessen. Washington möchte, und dies ist das stärkste Argument für das Abkommen, das bisher so unberechenbare stalinistische Einsiedlerregime aus der Isolation herausführen und als Unterzeichner des Nichtverbreitungsvertrages in die Pflicht nehmen. Pjöngjang wiederum braucht jede erreichbare finanzielle und technische Hilfe, um das selbstverschuldete wirtschaftliche Elend zu überwinden. Die Einigung mit den Amerikanern wird nicht nur Japan signalisieren, daß sein Geld in Nordkorea künftig sicherer angelegt ist; auch für die südkoreanischen Konzerne hat das Abkommen grünes Licht zu Investitionen im Norden gegeben.

Im wirtschaftlich blühenden Ostasien war das auf Selbstversorgung pochende Nordkorea Kim II Sungs bisher eine deprimierende Wüstenei. Kim Jong II, der Sohn und Nachfolger, könnte das Land nun vorsichtig auf den Weg der chinesischen Wirtschaftsreformer führen. Allerdings weiß niemand, ob jetzt wirklich junge Technokraten in Pjöngjang die Alt-Stalinisten ablösen werden.