Von Renate Hücking

Der Fund liegt schon zehn Monate zurück. Eine Prise frische Luft wollte die Gärtnerin von dem Spaziergang mit nach Hause nehmen. Mehr nicht. Da blitzt Grün aus den kahlen Ästen, die nach dem Baumschnitt am Graben hinterm Deich aufgestapelt werden dürfen. Grün mitten im Januar? Tatsächlich. Neben vertrockneten Weihnachtsbäumen liegt ihr Gartentraum – eine ausgewachsene Buchsbaumhecke, von einem Banausen der Kompostierung anheimgegeben. Jagdfieber vertreibt die Empörung: Diese Hecke muß sie haben, je schneller, desto besser, bevor ein anderer die Beute wegschnappt!

Ein Busch streckt den Kopf, der andere die Wurzeln nach oben – gerade so, wie sie abgekippt worden waren. Wie viele es sein könnten, schwant der Glücklichen erst auf dem Heimweg: Wo die sattgrüne Buchsbaumhecke dem alten Backsteinhaus der Anna Ahlf seinen Rahmen gegeben hatte – fünfzehn leergefegte Meter. Warum? fragt sie den Heckenmörder. "Ihre Wurzeln wuchsen in Mutters Garten", antwortet der Vierzigjährige, der eine Bordsteinkante setzt. "Außerdem stand sie schon dreißig Jahre."

Kein langes Leben für einen Buxus sempervirens, gilt doch dieser kleinblättrige Buchs als Überlebenskünstler unter den Immergrünen. Die Heckenfreundin zieht, zerrt, schwitzt und schnaubt, während sie ihren Schatz birgt und mitten im Winter ein großes Loch in den Garten gräbt. Die Wurzeln müssen unter die Erde, denn Frost an den Füßen bedeutet den sicheren Pflanzentod.

Am Buchsbaum scheiden sich die Geister. "Friedhofspflanze!" befand vor kurzem der Naturfreund nebenan und setzte die Motorsäge an. Buchsliebhaber preisen seine frühe Blüte, die im März schon Insekten nährt, wenn im Garten noch nicht viel anderes zu holen ist. Oder sie lieben den "honigartigen" Duft der Blüten, den ein Enthusiast sogar als "zart lilienhaft mit bitteraromatischem Beigeruch" beschrieben hat. "Stinker" nennt dagegen die britische Lady ihren Busch und rümpft die Nase: "Riecht wie Katze!"

Die Postmoderne brachte den Buxus wieder in Mode. Kaum eine Stadtvilla ohne die grüne Kugel, die gern auch Balkonen ein südliches Flair verleiht. Die schärfsten Gegner des Buchs’ sitzen im Lager der "naturnahen" Gärtner. Kugeln, Kegel, Pyramiden oder Säulen – bloße Dekoration. Zugegeben, daß er die Heckenschere mag, verleitet zum Experiment mit geometrischen Formen, bizarren Tiermenagerien oder allerlei anderen phantastischen Gestalten. Außerdem stiftet Buchs Ordnung, faßt ein und grenzt ab. All das paßt den Wilden unter den Gärtnern nicht ins Konzept.

Mit Anna Ahlfs Hecke lief es umgekehrt: Der "Zaun", wie sie sagt, war zu wild geworden. Statt ihren liebevoll gepflegten altmodischen Blumengarten einzurahmen, wurde er, trotz Formschnitt, immer breiter und trieb die Blumen in die Enge. Also hat sie ihren Sohn angestiftet, den Bagger zu holen.