Von Willi Winkler

Fremd zieht er ein, der kanariengelb gekleidete Wichtigmacher und Unruhestifter, und fremd wird er die Stadt wieder verlassen. Während der paar Wochen seines Aufenthalts in der Kleinstadt, die "wie ein seltsames, verzweigtes Rieseninsekt daliegt", macht dieser Fremde einer bereits verlobten Pfarrerstochter aufdringlich den Hof, belästigt, um die erste zu ärgern, noch rasch ein spätes Mädchen mit einem Heiratsantrag; betrinkt sich häufig in Gesellschaft; schwingt dabei große Reden gegen die englische Politik, die moderne Kultur, gegen Tolstoj und Ibsen; freundet sich mit dem Dorfdeppen an und vergiftet, wenn es seinen undurchschaubaren Kabalen dient, des Nachts den einen oder andern Hund.

Seine ganze kanariengelbe Existenz ist wild oszillierende Inszenierung: Mit dem Schiff langt Johan Nilsen Nagel an, läßt seine Koffer ausladen, bleibt selber an Bord, fährt wieder weg, kehrt in der Kutsche auf dem Landweg zurück. Telegramme, die Reichtümer versprechen; erwarten ihn im Hotel; er hat sie sich, wie er später schlau bekennt, selber geschickt, um als Millionär zu gelten. Der Geigenkasten, den er so dekorativ mit sich führt, enthält – das Zimmermädchen soll es ruhig sehen und weitertratschen – nichts als schmutzige Wäsche. Doch als man ihm bei einem ländlichen Basar eine Violine reicht, verzaubert er mit einem einzigen Zigeunersolo die sämtlichen anwesenden Damen und Herren. Ein Rätsel bleibt der Fremde sich und den Menschen, voller Rätsel auch sein schließliches Verschwinden aus dem Buch.

Knut Hamsun veröffentlichte die "Mysterien", seinen zweiten ernsthaften Roman nach "Hunger", im Jahr. 1892. Bald darauf lernte er Albert Langen kennen, einen unterbeschäftigten Playboy, der sich sogleich für Hamsun und die "Mysterien" begeisterte und allein für diese Veröffentlichung seinen Verlag gründete. (Die Verbindung Langen-Müller entstand aus diesem Erfolg, der Simplicissimus, der halbe Münchner Jugendstil, eine ganze Kultur – eben das, was der militante Kulturbarbar Herbert Fleissner sich heute redlich zu veruntreuen bemüht. Ende der Ausschweifung.)

Von München aus, mit der deutschen Übersetzung der "Mysterien", wurde Hamsun weltberühmt. Schnitzler, Hesse, Hemingway, Henry Miller: Alle sind sie bei ihm in die Schule gegangen. Kafka hat gleich (meint jedenfalls Walter Baumgartner im Nachwort dieser Ausgabe) den ganzen Bauplan für sein "Schloß" von Hamsuns "Mysterien" abgepaust. Dreißig Jahre vor James Joyce und Virginia Woolf erfand und benutzte der Egomane Hamsun den inneren Monolog, ließ Nagel in der Kleinstadt gegen die große Welt anrennen, sein Bewußtsein frei flottieren im freundlichen Wahn. Daß ausgerechnet im abgelegenen Norwegen und auch noch durch einen Autodidakten die moderne Literatur anheben könnte, das hätte man sich im übrigen Europa nicht träumen lassen.

Unvorstellbar heute, mit welcher Rücksichtslosigkeit, mit welcher Zerstörungswut sich Hamsun mit Nagel in Szene und ins Werk setzte. "Ein gutaussehender Mann, der für alle Frauen eine Gefahr darstellt", soll Knut Hamsun gewesen sein, aber auch einigermaßen verzweifelt, weil er es mit seinen 32 Jahren noch immer zu nichts gebracht hatte. Aus dem nördlichsten Norwegen war er vor der grimmigen protestantischen Schuld und Sühne nach Amerika geflohen, arbeitete auf dem Bau und als Schaffner, las sich durch die Bestände ganzer Bibliotheken, kam zurück nach Skandinavien und ließ sich aus über das "Geistesleben des modernen Amerika".

Georg Brandes hatte sogleich, als die ersten Seiten von "Hunger" in einer Zeitschrift erschienen, die neue Literatur begrüßt, aber einträglich war das Lob nicht. Da faßte Hamsun den Plan zu einer verwegenen Marketingkampagne. Er wollte über die Dörfer und Städte Norwegens ziehen und dem staunenden Publikum Vorträge über moderne Kunst halten und daß alles Alte – Romantik, Naturalismus, alles weg-, weg-, wegmüsse. Nebenbei wollte er einen Roman über das Befremden schreiben, das seine jugendbewegten Sprüche auslösten. "Weil im Leben alles einen Platz hat", lautete sein holistisches Programm, "sollte auch in der Literatur alles einen Platz haben."