Kann ein Buch sympathischer anfangen? "Die Arbeit an diesem Buch ist mir schwergefallen. Sie hat zu viele Jahre in Anspruch genommen, und einige Male habe ich meine Meinung darüber geändert, was darin ste -hen sollte Kann ein Buch sympathischer anfangen? Allerdings gehört der sympathische Ton nicht zu den Kriterien, nach denen wissenschaftliche Texte beurteilt werden. Im Hinblick auf das Thema - die "Quellen des Selbst" - ist ein solches Voraburteil vielleicht legitim, doch je länger die Lektüre des 900 Seiten Bandes dauert, desto mehr schwindet die Sympathie.

Die Vorstellung, daß immer dasselbe gemeint war, wenn jemand "Ich" sagte, ist so realistisch wie die krude Vorstellung, man werde als Katholik oder Armenier geboren. So wie man sich dazu macht und gemacht wird, so wird das Selbst historisch gebildet. Es gibt dazu eine reiche sozialpsychologische und sozialgeschichtliche Literatur. Reinhart Koselleck hat vor zwanzig Jahren eine Hypothese formuliert, die seither für viele Grundbegriffe bestätigt worden ist: Das 18. Jahrhundert bildet eine "Sattelzeit", in der Grundbegriffe des abendländischen Denkens, die seit der Antike eine variable, aber im Kern stabile Bedeutung hatten, im Zuge von Aufklärung und Revolution semantisch neue Konnotationen erhalten. So spaltet sich Ende des 18. Jahrhunderts beispielsweise mit dem Begriff "bürgerliche Gesellschaft" eine Sphäre des Nichtstaatlichen beziehungsweise Nichtpolitischen von jenem Traditionsbegriff ab, der bis dahin als Societas civilis immer den "Staat" beziehungsweise die Vereinigung politisch Handlungsberechtigter bezeichnet hatte. Und Staat und Gesellschaft trennten sich auch real.

Taylor macht sich Kosellecks Hypothese nicht zu eigen, obwohl damit die Formierung der neuzeitlichen Identität im 18 und frühen 19. Jahrhundert wahrscheinlich begriffen werden könnte. Statt dessen wählt er den steilsten Einstieg ins Thema - jenen über die okzidentale Philosophiegeschichte. Dabei muß er sich aus Stoffmangel auf begriffliche Analogien verlassen. Damit bezeichnete Kant ein Verfahren, durch das mittels "kühne(r) Einbildungskraft, verbunden mit der Geschicklichkeit, für seinen in dunkler Ferne gehaltenen Gegenstand durch Gefühle und Empfindungen einzunehmen, die mehr von sich vermuten lassen, als kalte Beurteilung" erlaubt.

Taylor beginnt mit einem Kapitel über "die Identität und das Gute". Methodisch wird damit der neuzeitlichen eine überzeitliche Identität vorangestellt, deren Status unklar bleibt. Der Moralphilosophie wirft Taylor vor, von unzureichenden Voraussetzungen auszugehen, wenn sie von Pflichten und Normen her argumentiere statt vom "Wesen des Guten" oder von dem, "wodurch das Leben lebenswert wird". Einzelne moralische Pflichten setzten übergeordnete ethische Vorstellungen voraus, und diese seien nur innerhalb vorgegebener, ethischer Rahmen plausibel zu machen. Ethische Rahmen definieren unabhängig von subjektiven Neigungen und Wünschen die Maßstäbe, nach denen jene erst beurteilbar werden.

Taylor nennt solche Maßstäbe, "Hypergüter", in denen sich im Laufe der Geschichte "strukturierte ethische Einstellungen" manifestieren "Hypergüter" sind "in ihrem innersten Wesen konflikt- und spannungsgeladen", weil sie eine Hierarchie bilden und sich gegenseitig Konkurrenz machen wie zum Beispiel "Leben", "Glück" und "Askese". Gelten solche Güter als Regulative von Handlungen, so bestimmen die Moralquellen "etwas, was uns, wenn wir es lieben, die Kraft verleiht, gut zu handeln und gut zu sein".

Solche Moralquellen bilden die platonische Kosmologie, in der der Logos das Ganze wie die Seele des einzelnen umfaßt, ebenso wie der christliche oder der jüdische Theismus, der Gläubige durch das Liebesgebot an göttlicher Gnade teilhaben läßt. Taylor<räumt einjxlaß es "ein wenig anachronistisch wirkt", im Blick auf das theologisch oder kosmologisch eingekesselte Selbst in "vorneuzeitlichen Kulturen" überhaupt von "Identität" zu sprechen. Die "moralische Ontologie", auf die das erste Kapitel zielt, erweist sich damit als chimärisch. Paradox gesprochen handelt es sich bei der "vorneuzeitlichen" um eine gestiftete oder ausgeliehene Identität im Gegensatz zur modernen, kommunikativ konzipierten und dialogisch erarbeiteten Individuierung durch Vergesellschaftung.

Humanistisches "Desengagement" verneint seit der Renaissance außerhalb uns selbst angesiedelte "konstitutive Güter" und verlegt deren Ort nach innen: Die Menschen schaffen ihre moralischen Maßstäbe. Die Philosophie von Descartes bis Kant hat den Vernunftbegriff von kosmologischen und theologischen Vorstellungen befreit und den Individuen spezifisch neuzeitliche Moralquellen erschlossen. Es sind dies die "Innerlichkeit", "die Bejahung des gewöhnlichen Lebens", "die Stimme der Natur" und "subtilere Sprachen" (in Kunst und Literatur). Taylor spricht in diesem Zusammenhang von der "Revolution des MoralbewuStseins", die jener von 1789 voranging.