Nun wissen wir es: Der Zweite Weltkrieg war "tendenziell, der Möglichkeit nach, auch ein europäischer Einigungskrieg", Hitler also gewissermaßen ein Vorkämpfer der Europäischen Gemeinschaft unserer Tage. Was der emeritierte Berliner Professor für Geschichte Ernst Nolte kürzlich in einem Spiegel Artikel zum besten gab, klingt wie ein fernes Echo aus Goebbels Munde. Denn seit der Kriegswende von Stalingrad wurde die Nazipropaganda nicht müde zu betonen, daß der deutsche Soldat als "moderner Ordensritter vom Schicksal die Aufgabe erhalten" habe, "seine Heimat, sein Vaterland und das gesamte Abendland vor den bolschewistischen Horden zu bewahren und ein glücklich geeintes Europa in eine verheißungsvolle Zukunft zu führen". Vor dreißig Jahren, in seinem Buch "Der Faschismus in seiner Epoche" (1963), wußte Ernst Nolte es noch besser. Darin nannte er den deutschen Überfall auf die Sowjetunion den "ungeheuerlichsten Eroberungs, Versklavungs- und Vernichtungskrieg, den die moderne Geschichte kennt". Mindestens sieben Millionen Sowjetbürger kamen außerhalb der Kriegshandlungen ums Leben, darunter 3 3 Millionen Kriegsgefangene, von denen man die meisten im Kriegswinter 194142 unter freiem Himmel einfach verhungern ließ. Zehntausende kommunistische Funktionäre wurden aufgrund des "Kommissarbefehls" liquidiert; Hunderttausende Russen als "Partisanen" erschossen oder gehenkt; über zwei Millionen als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt; unzählige Dörfer und Städte im Zuge der "Geopolitik des Hungers", der Strategie der "verbrannten Erde", der ethnischen "Säuberungen" zerstört und ausgelöscht - ein Verbrechen, das in seinen Dimensionen durchaus mit dem Mord an den europäischen Juden zu vergleichen ist.

Wie es zu diesem Verbrechen kommen konnte, das beleuchtet ein Sammelband, der schon deshalb Aufmerksamkeit verdient, weil an ihm (ein seltener Fall!) bundesdeutsche und frühere DDRHistoriker einträchtig zusammengearbeitet haben. Die Kooperation erweist sich als fruchtbar; an dem Befund gibt es nichts zu rütteln: Der Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion war keine Entgleisung, sondern eine konsequente Umsetzung des Feindbildes, welches das NS Regime entworfen und über seine Propaganda verbreitet hatte. Diese Feindmarkierung wiederum war angelegt im Rußlandbild der politischen, militärischen und gesellschaftlichen Eliten Deutschlands; sie besaß also eine Vorgeschichte, die bis in die Zeit des Kaiserreichs zurückzuverfolgen ist. Zwei auf paradoxe Weise miteinander verschränkte Vorstellungskomplexe bestimmten das tradierte Rußlandbild: zum einen die Angst vor der bedrohlichen Macht im Osten, die, einer Dampfwalze gleich, unaufhaltsam nach Westen vordringe. Diese irrationale Furcht vor einer "russischen Gefahr" hatte schon die deutsche Reichsleitung im Juli 1914 dazu gebracht, eine Politik des unkalkulierbaren Risikos einzuschlagen, die den Weltkrieg provozierte "Die Zukunft gehört Rußland, das wächst und wächst und sich als immer schwererer Alb auf uns legt", so klagte Reichskanzler Bethmann Hollweg am Abend des 6. Juli 1914 seinem Vertrauten Kurt Riezler.

Daneben, und in scheinbarem Widerspruch dazu, stand zum anderen die Vorstellung, daß Rußland ein "tönerner Koloß" sei, dem man nur ein paar kräftige Schläge versetzen müsse, um ihn zum Einsturz zu bringen. Von dieser Vorstellung hatten sich die deutschen Militärs leiten lassen, als sie dem revolutionären Rußland in Brest Litowsk Anfang März 1918 einen Separatfrieden aufzwangen, in dessen Lichte sich der Friedensvertrag von Versailles geradezu milde ausnimmt. Und als sie, unter Bruch des Vertrages, weitermarschierten - bis nach Georgien am Südhang des Kaukasus. Sie kamen damit fast so weit wie die HitlerArmeen im Zweiten Weltkrieg "In gewissem Sinne" - so hat Sebastian Haffner einmal bemerkt - "war also jenes Ostimperium, das später Hitler erstrebte, schon einmal in deutscher Reichweite gewesen " An die zwischen Über- und Unterschätzung oszillierenden Klischeevorstellungen im Rußlandbild der konservativen Eliten knüpften Hitler und die NSDAP an und radikalisierten sie zugleich, indem sie sie mit der Forderung nach "Lebensraum im Osten" und nach Beseitigung des "jüdischen Bolschewismus" verbanden. Die rassenideologische Aufladung des traditionellen Feindbildes zu einem Eroberungs- und Vernichtungsprogramm bislang unbekannter Destruktivität war, wie Manfred Weißbecker und Wolfram Wette zeigen, im wesentlichen bis Ende der zwanziger Jahre abgeschlossen. Hitler hat nie einen Zweifel daran gelassen, daß er dieses Programm, sobald als möglich, in die Tat umzusetzen gedachte. Am 3. Februar 1933, also nur vier Tage nach der "Machtergreifung", bezeichnete er gegenüber Reichswehroffizieren die "Eroberung neuen Lebensraums im Osten u(nd) dessen rücksichtslose Germanisierung" als sein wichtigstes außenpolitisches Ziel. Widerspruch regte sich nicht, obwohl doch - woran Manfred Zeidler erinnert die Reichswehr in den Jahren der Weimarer Republik recht eng mit der Roten Armee zusammengearbeitet hatte.

Widerspruch regte sich auch nicht, als der Diktator im Frühjahr 1941 seine Entschlossenheit kundtat, den bevorstehenden Feldzug gegen die Sowjetunion als rassenideologischen Vernichtungskrieg zu führen. Die verbrecherischen Befehle, die zu diesem Zweck erlassen wurden, darunter vor allem der Kommissarbefehl vom 6. Juni 1941, wurden von der Wehrmachtführung ausdrücklich gebilligt. Ja, einige Truppenführer machten sich - worauf Jürgen Förster hinweist in vorauseilendem Gehorsam Hitlers Vernichtungskonzept zu eigen, bevor noch die einschlägigen Befehle des Oberkommandos an die Truppe ergangen waren. Das traditionelle Klischee von Rußland als dem "tönernen Koloß" und das rassenideologische Dogma wirkten zusammen, und daraus resultierte eine fundamentale Unterschätzung der militärischen und wirtschaftlichen Leistungskraft der Sowjetunion. Nicht nur Hitler, sondern sämtliche Chefs der Generalstäbe von Heeresgruppen und Armeen rechneten mit einer Feldzugsdauer von höchstens acht bis zehn Wochen - ein grandioser Irrtum, wie sich bald zeigte. Doch nicht nur die Militärs, sondern alle anderen politischen und gesellschaftlichen Eliten in Nazideutschland stellten sich vorbehaltlos hinter den "Vernichtungskrieg singulärer Art auf dem Territorium der Sowjetunion" (Andreas Hillgruber): die Diplomaten des Auswärtigen Amtes, weil sie darin ein Chance sahen, den alten wilhelminischen Weltmachttraum doch noch im zweiten Anlauf zu verwirklichen (Wolfgang Michalka); die Wirtschaftsführer, die über eine Ausplünderung der russischen Ressourcen "die Vorherrschaft der deutschen Industrie in einer künftigen europäisehen Großraumwirtschaft sichern" wollten (Rolf Dieter Müller); die SS, die in der Entvölkerung durch Massenmord den sichersten Weg sah, "um den Ostraum für die deutsche Besiedlung frei zu machen" (Gerhard Hass); die Kirchen, die den antibolschewistischen "Kreuzzug" absegneten und als gottgefälliges Werk priesen (Kurt Meier; Heribert Smolinsky); die Ärzte, die die Selektions- und Umsiedlungsaktionen in den sowjetischen Territorien medizinisch "begleiteten" (Achim Thom).

Und auch die deutschen Historiker halfen, Ostexpansion und Vernichtungskrieg ideologisch vorzubereiten und zu legitimieren "Indem das deutsche Volk in Gestalt der Wehrmacht die dauernde Bedrohung der abendländischen Kultur durch den Bolschewismus und die vergiftende Wirkung der Anarchie zerstört, wandelt es in den Spuren der germanischen Waräger, die im 10. Jahrhundert aus ihrer skandinavischen Heimat berufen wurden, um im russischen Raum staatliche Ordnung zu schaffen So tönte Wilhelm Schüßler, Ordinarius in Berlin, im Jahre 1942.

Was die historische "Ostforschung" in den späten dreißiger und frühen vierziger Jahren über die "ordnungsstiftende" Funktion der deutschen "Herrenmenschen" in den östlichen Regionen Europas alles zusammengeschrieben hat, zählt zu den abstrusesten und schändlichsten Kapiteln deutscher Geschichtsschreibung überhaupt. Gabriele Camphausens Bemerkungen dazu bieten nur eine vorsichtige Annäherung an dieses Thema, um das sich die bundesdeutsche Geschichtswissenschaft immer herumgedrückt hat, weil einige ihrer führenden Repräsentanten hier involviert waren: Otto Brunner, Hermann Aubin, Reinhard Wittram, Werner Conze, Theodor Schieder.

Leider fehlt in diesem Sammelband ein Beitrag, der systematisch der Frage nachgeht, wie das Feindbild vom "jüdisch bolschewistischen Untermenschen", welches auch in den Schulen des "Dritten Reiches" vermittelt wurde (Hans Erich Volkmann), auf die Mentalität der drei Millionen deutschen Soldaten gewirkt hat, die am 22. Juli 1941 in die Sowjetunion einfielen. Doch den verstreuten Hinweisen in mehreren Beiträgen läßt sich entnehmen, daß die antibolschewistische Haßpropaganda das Rußlandbild auch vieler Landser geprägt und ihr Verhalten insofern beeinflußt hat, als es half, Tötungshemmungen abzubauen "Die Praxis des Vernichtungskrieges" - so Wolfram Wette - "zeigte, in welch schrecklichem Ausmaß diese spezifische Kampfpropaganda gegen die Bolschewistisch verseuchten Untermenschen erfolgreich war "