Von Norbert Mappes-Niediek

Die Abzweigung nach rechts zur altersschwachen Brücke über die Drina in Mali Zvornik übersieht man leicht, fast alle Autos fahren geradeaus weiter. Nur eine kleine Wellblechbude auf der Kreuzung verrät, daß es hier erst mal irgendwie nicht weitergeht – auf Flaggen und Hoheitszeichen, die an balkanischen Kontrollpunkten meistens zuerst angebracht werden, hat man hier verzichtet. Die jugoslawischen Milizionäre schauen in den Kofferraum, kontrollieren den Paß und erlauben schließlich die Einreise in die "Republika Srpska".

Auf der anderen Seite der Grenze in der bosnischen Serbenrepublik säumen die Benzinhändler mit ihren Fünfliterkanistern die Straße, Menschen drängen sich an den Bushaltestellen; der Treibstoffmangel fällt als erstes ins Auge. Und im Weichbild von Zvornik, wo vor dem Krieg fast sechzig Prozent der Einwohner Muslime waren, fehlt das Minarett.

200 Mark Eintritt verlangt die Republika Srpska – getarnt als Kfz-Versicherung. Die wenigen Autos, die noch über die Grenze fahren, haben fast alle die neuen kyrillischen Kennzeichen Serbisch-Bosniens: Hin und wieder kreuzt ein deutscher oder schweizerischer Wagen die Grenze – Gastarbeiter, die ihre Verwandten versorgen. Von den internationalen Beobachtern, die seit Anfang September im Auftrag der Uno das Embargo gegen die bosnischen Serben überwachen sollen, ist weit und breit nichts zu sehen. Aber die Jugoslawen passen schon selber gut auf: Nicht einmal ein kleiner Reservekanister darf mitgenommen werden, und seit vierzehn Tagen ist sogar leeren Lkw die Grenzpassage verboten. Über die Rigidität des Milosević-Embargos klagen sogar die Hilfsorganisationen. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), das in Ostbosnien ein Büro unterhält, versucht jetzt, Treibstoff aus dem kroatischen Split quer über alle Frontlinien zu schaffen. Das ist immer noch leichter, als die Drina zu überqueren.

Im Reich der bosnischen Serben reckt nur hier und da einmal einer verzagt das Fäustchen gegen das indolente Belgrad. Das strenge Embargo, das Milosević Anfang August über die Brüder jenseits der Drina verhängt hat, habe auch für Jugoslawien "empfindliche Folgen", merkt Radovan Karadžićs Außenminister Alexander Buha an. Immerhin sei rund ein Viertel der bosnisch-serbischen Produktion nach Osten ins Mutterland gegangen, wo die Waren jetzt sicher irgendwo fehlten. Aber so genau weiß Buha das nicht: Seit drei Monaten kann er nicht mehr nach Serbien telephonieren, und auch die Einreise ins Mutterland ist Mitgliedern von Regierung und Parlament untersagt.

In Ostbosnien sind die Preise seit Anfang August um zwanzig bis dreißig Prozent gestiegen. Winterjacken, Wollmützen und Unterwäsche sind vom Markt verschwunden. Zehn Rollen Klopapier sind für acht Dinar zu haben, eine Packung Marlboro, Indikator für den Pegelstand auf dem Schwarzmarkt, für vier. Anders als in Serbien wird der Dinar allerdings oft noch im Verhältnis eins zu eins mit der Mark getauscht. Mondpreise, etwa hundert Mark für ein Pfund Kaffee, wie in den muslimischen Enklaven gibt es noch nicht.

Angestaubte Shampoofläschchen und ein paar Kosmetika aus irgendeinem vergessenen Lager schmücken die Auslage des ehemaligen Zeitungskiosks in Vlasenica, einer heruntergekommenen Kleinstadt im Birac-Gebirge, Standort eines Lagers und Schauplatz grausamer "ethnischer Säuberungen". Kaum jemand ist auf der Straße, der Müll quillt aus den Containern. "Keine Kunden", meint der Verkäufer, ein junger Soldat, der in Gorazde ein Bein verloren hat. Für die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln sind die kleinen Märkte, die sich überall vor den leeren staatlichen Geschäften etabliert haben, unbedeutend. "Die Bauern haben es nicht nötig, Milch, Kohl oder Eier zu Markte zu tragen. Wir kommen schon von selber zu ihnen", meint eine Hausfrau in Pale. Zu Fuß, denn Autoverkehr findet in der Republika Srpska so gut wie nicht mehr statt. Zum Bauern ist es nie weit; außer Banja Luka gibt es keine Großstädte,