Die Bewerbung kam schriftlich, ganz korrekt mit Anschreiben und Lebenslauf. Auf eher ungewöhnliche Weise meldete ein Krankenpfleger aus einer Klinik in Konstanz seinen Anspruch auf den Vorsitz der zweitgrößten deutschen Arbeitnehmerorganisation an, der Gewerkschaft Öffentliche Dienst, Transport und Verkehr (ÖTV). Der Nobody vom Bodensee ist damit der einzige Konkurrent von Herbert Mai, dem hessischen Bezirksvorsitzenden – zumindest vorerst.

Bereits seit Anfang September, als die bisherige ÖTV-Chefin Monika Wulf-Mathies ihren Wechsel zur Brüsseler EU-Kommission verkündete, gilt Mai intern als aussichtsreichster Kandidat für ihre Nachfolge. Weil auf einer Klausurtagung in der vergangenen Woche abermals deutlich wurde, daß weder einer der fünfzehn anderen Bezirkschefs noch ÖTV-Vize Wolfgang Warburg offen den schwierigen Spitzenjob anstrebt, wird Mai nun auch öffentlich als neuer ÖTV-Vorsitzender gefeiert – was dem 47jährigen gar nicht paßt.

„Da kann noch einiges passieren“, ahnt Herbert Mai, der eher ein Mann der leisen Töne ist. Denn wenn, was kaum einer bezweifelt, der hundertköpfige Vorstand der Gewerkschaft den Hessen am kommenden Donnerstag für den außerordentlichen ÖTV-Kongreß am 13. Februar als Kandidaten nominiert, beginnt für Mai eine anstrengende Reise durch die Republik. In allen sechzehn Bezirken muß der dienstälteste unter den Regionalchefs antreten, um die Basis von seinen Qualitäten zu überzeugen. Doch die Basis der ÖTV gilt als kompliziert und schwer berechenbar.

Und dann ist da noch Klaus Orth, Bezirksvorsitzender in Nordrhein-Westfalen und lange Zeit schärfster Mitbewerber um den ÖTV-Vorsitz. Zwar hat Orth erklärt, er werde „nicht gegen Mai kandidieren“, wohl weil er um seine schlechten Chancen weiß. Er sagt aber nicht, daß er nicht zur Verfügung steht. „Orth ist ein Taktiker“, heißt es in der Organisation. „Der wartet ab, bis Mai sich in der Provinz verschlissen hat, um sich dann selbst als Retter der ÖTV aus dem Hut zu zaubern.“ – „Manche murmeln“, sagt ein Bezirksvorsitzender, „der Mai sei ein Frühstarter.“

Dabei ist seine Fähigkeit als Gewerkschafter weithin unbestritten. Mai gilt, auch wenn er selbst mit dergleichen Einordnungen wenig anfangen kann, als „Reformer“ und „Modernisierer“. Er ist einer von jenen in der ÖTV, die sich Änderungen im öffentlichen Dienst nicht widersetzen, sondern sie statt dessen zu gestalten versuchen. „Effizienzpotentiale in der Verwaltung“, wie er es nennt, will er ausschöpfen, zum Wohl der Beschäftigten wie der Bevölkerung. Mit einer dezentralen Tarifpolitik und neuen Formen der Arbeitsgestaltung soll den Bedürfnissen der Werktätigen mehr als bisher entsprochen werden.

Konzeptionelles Talent wird freilich nicht genügen, die ÖTV mit ihren rund 1,9 Millionen Mitgliedern auf Kurs zu bringen. „Mai wird es sehr schwer haben“, meint ein Bezirkschef, „die Autorität zu erwerben, die Wulf-Mathies hat.“ Nahrung erhielt solche Skepsis auf dem Gewerkschaftstag Ende September. Da unterstützte Mai, wohl gegen seine eigene Überzeugung, einen Antrag seines hessischen Bezirksvorstands, nach dem die Tarifpolitik „stärker als bisher“ Ausgleich für „ungerechte“ Steuern und Abgaben erkämpfen müsse – ein unrealistischer Vorstoß, der nicht zu erfüllende Erwartungen weckt. „Da hätte Mai mit seinen Leuten Tacheles reden müssen“, sagt ein führender ÖTVler. „Das ist nun mal die Stimmung in den Betrieben“, kontert der Kritisierte, „und die haben wir in der Vergangenheit viel zu oft mißachtet.“

Mai wird, wenn er die nächsten Monate übersteht, einen undankbaren Job antreten. Im vergangenen Jahr sind der ÖTV 130 000 Mitglieder davongelaufen, 1994 werden es 140 000 sein. Die Prognosen über die Beitragseinnahmen mußten zuletzt ständig nach unten korrigiert werden; immer wieder sind neue Löcher zu stopfen. Die katastrophale Finanzlage von Bund, Ländern und Kommunen läßt in der Tarifpolitik kaum Spielraum; doch große Teile der Basis wollen endlich mehr Geld sehen. Zudem ist die Riesengewerkschaft, in der Müllmänner wie Bauingenieure, Krankenschwestern wie Hafenarbeiter organisiert sind, schwer zu führen. Doch Herbert Mai gibt sich optimistisch. „Der Kongreß vom September mit seinen Beschlüssen zur Finanz-, Organisations- und Tarifreform zeigt“, behauptet er tapfer, „daß wir auf dem richtigen Weg sind.“ Arne Daniels