Von Gisela Dachs

Michael Strauss baut keine Luftschlösser. Der israelische Geschäftsmann, geboren 1935 in Ulm, kam als Baby mit seinen Eltern nach Palästina. Der Familienbetrieb begann mit einem Kuhstall in einem Dorf in der Nähe von Naharija; heute steht Strauss an der Spitze eines der größten Lebensmittelkonzerne Israels mit einem Umsatz von 180 Millionen Dollar.

In Zukunft will der Firmenchef Joghurt, Käse und Eiskrem auch in den Straßen von Riad verkaufen. Und die Chancen, bald mit Saudi-Arabien ins Geschäft zu kommen, stehen gar nicht schlecht. Michael Strauss gehört zu den dreißig israelischen Industriellen, die am Beginn dieser Woche zum ersten Wirtschaftsgipfel des Nahen Ostens nach Casablanca gereist sind.

Drei Tage lang tagten in der marokkanischen Großstadt über tausend Wirtschaftsexperten aus etwa sechzig Ländern. Geschäftsleute und Politiker kamen aus der arabischen Welt, aus den Vereinigten Staaten, aus Europa, Asien – und aus Israel. Die Idee zu dem Treffen stammt vom israelischen Außenminister Schimon Peres. Er entwickelte die Vision eines gemeinsamen Wirtschaftsraum vom Atlantik bis zum Golf, der der Region einen dauerhaften Frieden bescheren soll. Weil „die Regierungen klare Ziele, aber kein Geld haben, die Unternehmen hingegen über Geld verfügen, aber über keine politischen Vorstellungen“, sollen Unternehmer und Politiker gemeinsam nach Lösungen für praktische Probleme suchen.

Entsteht nun, nach Ostasien und Lateinamerika, eine dritte Wachstumsregion in der Dritten Welt? Es wäre ein verlockender Markt mit heute rund 300 Millionen Konsumenten, ein Raum, dessen Bevölkerung sich zudem in den nächsten zwanzig Jahren verdoppeln wird. Bislang hat der Nahe Osten seine Ressourcen verschleudert: 700 Milliarden Dollar gaben Araber und Israelis in den vergangenen zehn Jahren für Waffen aus. In derselben Zeit flossen mehr als 600 Milliarden Dollar aus der Region nach Europa und Nordamerika und wurden dort in Immobilien und Unternehmen investiert. Das Wohlstandsgefälle ist groß: Das Pro-Kopf-Einkommen in Israel liegt zehnmal höher als in Jordanien.

Einen regionalen Handel gibt es bisher fast nicht. Zwischen den arabischen Ländern ist er auf fünf bis zehn Prozent beschränkt. Und gegen den „zionistischen Feind“ hatte die Arabische Liga 1951 einen umfassenden Boykott ausgerufen. Nach israelischen Schätzungen führt dieser Boykott zu volkswirtschaftlichen Verlusten von bis zu einer Milliarde Dollar im Jahr.

Faktisch hat die Konferenz von Casablanca das Ende des Boykotts gegen Israel eingeläutet. Offiziell proklamiert wurde dieses Ende zwar noch nicht, um „Raum für Syrien zu lassen“, wie es ein Geschäftsmann aus Bahrein formuliert. Die Syrer waren wie die Libanesen, Libyer und Iraker nicht in Marokko erschienen. Den entscheidenden Schritt, ohne den der Gipfel nicht möglich gewesen wäre, hatten Ende September die sechs Mitglieder des Golf-Kooperationsrats – Saudi-Arabien, Oman, Kuwait, Qatar, Bahrain und die Vereinigten Emirate – getan. Sie öffneten sich gegenüber Israel. Und noch vor Jordanien, das als zweites arabisches Land nach Ägypten einen Friedensvertrag mit Israel unterzeichnete, hatten bereits Marokko und Tunesien den Boykott offiziell aufgehoben. Qatar, Bahrain und Oman werden jetzt Vertretungsbüros in Tel Aviv eröffnen.