Von Michael Skasa

Dreimal auf Holz geklopft – aber hat sich nicht mancher schon eine kleine, vielleicht sogar die große, wochenüppige Krankheit gewünscht, die ihn mal so richtig aufs Bett hinwürfe, wo er dann inmitten ungelesener Bücher zu liegen käme, wuchtigen, nie bewältigten Romanen (endlich Karamasow, Proust und dieser Mann ohne Eigenschaften!). Kranksein als Alibi für schmatzendes Zeitverwenden ans Unerzwungene, Bettlägrigkeit als fruchtbare Brache, ohne Leibesqual also und ohne Seelenquälerei. "Wenn der Kranke an seiner Krankheit gar nichts Erfreuliches findet, so heißt das, daß er auch am Leben nichts findet und daß er die Gesundheit nicht verdient hat."

Mit diesem provokanten Auftakt hebt Léon Werth seinen kleinen Roman an, der eher ein feuilletonistischer Essay über die Lust des Körpers am Lebendigsein, über Schmerz und Entspannung, Hineinhorchen und Nach-draußen-Lauschen ist. Krankheit als Anstoß, mit sich bekannter zu werden. "Man kann an ihr sterben? Aber wer sagt mir, ob ich ohne die überstandene Krankheit nicht vor Lebensüberdruß gestorben wäre?" und erklärend: "Ich spreche von der guten Krankheit, die einen Anfang und ein Ende hat, nicht von dem sich hinschleppenden Leiden, das man früher das Siechtum nannte."

"Das weiße Zimmer" erzählt auf seinen letzten hundert Seiten vom Liegen im Krankenbett, auf seinen ersten fünfzig vom Treiben in den Montparnasse-Gassen, zwischen Dirnen, Pferdekutschern, Weinkneipen. Ein Kind wächst auf in Paris, nach der Jahrhundertwende, um ihn plappert Leben, der Vater schenkt Wein aus am Tresen, die Spielkameradin wächst zum Straßenmädchen heran, er hingegen wird zu großbürgerlichen Verwandten weitergereicht, besucht das Lyzeum, die Universität. Werth skizziert mit bezaubernder Anmut, tupft kleine Pastelle mit der leichten, wohl an Jules Renard geschulten Eleganz einer Sprache, die wie unschuldige Kommunionskinder beim Pensionatsspaziergang vorbeitrippelt.

Wenige Seiten weiter – unser Romanheld ist nun arbeitsloser Schriftsteller – erinnert Léon Werth allerdings stark (und allzu stark) an Hamsuns zwanzig Jahre zuvor erschienenen "Hunger": Ganz ähnlich sinkt er ab, schleicht hinter reichen Damen her, versucht zu stehlen, seine Blechuhr zu versetzen, endlich zu schnorren: "Warum habe ich die Erbärmlichkeit, ihr zu versichern, ich hätte in Kürze Geld zu erwarten? ... Nun zittre ich nicht mehr vor Hunger, sondern vor Scham." Die alltäglichen Entwürdigungen, die Ekligkeiten mancher Philanthropen, Gelegenheitsarbeiten als Reklameschreiber, und "dann wurde ich allen Ernstes Journalist. In einem Jahr hatte ich so viele Mörder interviewt, daß ich mir einen Monat Ferien am Meer leisten konnte. Nach einem Kopfsprung von einem Felsen spürte ich, wie mir das Wasser ins Ohr drang."

Damit beginnt die Krankengeschichte, zunächst schubweise: "Der Schmerz ist gekommen wie ein Pferd im Galopp." Hinlegen, sich betreuen lassen: "Ich bin in Sicherheit." Verlegung in eine Pariser Klinik; er genießt es, aufgehoben zu sein, alles ist so weiß und sauber und herrlich still, man selbst alle Verantwortung los, darf sich fallenlassen und ist in allerbesten Händen: "Ein Operationssaal ist hell und freundlich wie eine kleine Tischlerwerkstatt."

Der Professor ist ein As, die Schwestern sind fabelhaft (und sehr, sehr verschieden, Augen, Phantasie und Traum beschäftigend); bei übergroßem Schmerz wird Morphium gespritzt, so daß man ihn interessiert und neugierig beobachten kann, sich erproben kann im Ertragen des noch Erträglichen. Lust und Qual berühren sich. "Plötzlich wechselt der Schmerz, wie wenn eine Zirkusnummer zu Ende ist und die nächste anfängt." Er nimmt den Kopf ein "wie ein Feldherr eine Stadt". Der Körper liegt unter Kavallerieattacken, dann wieder wird auf ihm herumgehämmert wie in einer Werft. "Die Wahrheit ist, daß ich noch nie so gelitten hatte und daß der Schmerz mich interessierte wie ein fremdes, schreckliches Land, das man zum ersten Mal bereist."