Nein, Aldo Romano Ajello hatte nicht erwartet, daß es noch einmal so dramatisch zugehen würde. Aber dem Sonderbeauftragten von UN-Generalsekretär Butros Butros-Ghali ist während seiner zwei Jahre in Mosambik eine Elefantenhaut gewachsen. An der Spitze von 6000 Blauhelmen und Beamten geleitete er das bitterarme Land nach sechzehn Jahren Bürgerkrieg in die Demokratie. Ajello mußte immer wieder antreiben und ausbremsen, geschickt schlichten und hart durchgreifen. Spötter nannten den ehemaligen Senator "Prokonsul" von Mosambik. Am Ende waren Geist und Buchstaben des Friedensvertrages von Rom erfüllt: Die Vereinten Nationen hatten im Rahmen der Onumoz-Mission 56 000 Regierungssoldaten und 20000 Renamo-Rebellen entwaffnet, demokratische Parteien aufgebaut und die ersten freien Wahlen in der Geschichte des Landes vorbereitet. Dann erhielt Ajello diesen niederschmetternden Anruf: Am Vorabend der Wahl, 9.30 Uhr Ortszeit, teilte ihm ein hochrangiger Funktionär mit, daß Renamo-Chef Afonso Dhlakama aus den Wahlen aussteigen werde! Die Begründung: "massiver Betrug". Die Nachricht ging wie eine Schockwelle durchs südliche Afrika. Ein Wahlboykott fünf Minuten vor zwölf – damit hatten selbst notorische Schwarzseher nicht gerechnet. Waren alle Mühen vergeblich gewesen? Sollte Onumoz scheitern? Würde Mosambik demnächst wieder in die finsteren Zeiten des Bürgerkrieges zurückfallen?

Die Nachbarstaaten, bemüht um Frieden und Stabilität in der krisengeplagten Region, ergriffen sofort die Initiative. Simbabwe drohte militärische Schritte an, Südafrikas Vizepräsident Thabo Mbeki flog nach Maputo und erklärte unmißverständlich: "Ein weiteres Angola vor unserer Haustür können wir uns nicht leisten." (Dort hatten die Unita-Rebellen nach ihrer Wahlniederlage wieder zu den Waffen gegriffen). Auch Washington, die Uno in New York und die Europäische Union kabelten scharfe Mahnungen nach Mosambik. Tenor: "Demokratie und nichts anderes!"

Die 13. Etage der Onumoz-Zentrale in Maputo, wo Ajello residiert, glich anderntags einem aufgescheuchten Hühnerhof. Und es war wieder einmal der Jurist aus Palermo, der Ruhe und Disziplin in die Krisenstäbe brachte. Als Abgeordneter in Rom und Straßburg hatte er gelernt, wie man sich durchsetzt. Mit Diplomatenschläue und Engelsgeduld redete er auf den Quertreiber ein. Am zweiten Wahltag sah man Dhlakama feixend vor der Urne stehen und seinen Stimmzettel einwerfen. Die Wahlen verliefen ohne weitere Zwischenfälle, Mitte November sollen die Ergebnisse vorliegen.

Aldo Ajello, der "sizilianische Fuchs", hat das wankende Unternehmen in letzter Sekunde herumgerissen. Man sagt dem 58jährigen UN-Spitzenbeamten nach, er spekuliere auf die Nachfolge von Butros Butros-Ghali. Seine Chancen sind gestiegen.

Bartholomäus Grill