Die schlimme Krankheit beginnt ganz harmlos, mit vorübergehenden Sehstörungen, taumeligem Gang oder Hautkribbeln. Die zunächst nur als lästig empfundenen Störungen verschwinden meist rasch und werden vergessen. Erst wenn sie nach Wochen oder Monaten wiederkommen, wird ein Arzt aufgesucht. Der überprüft zunächst bestimmte Reflexe an den Beinen und den Bauchdecken. Ziehen letztere sich beim Berühren mit einem kleinen Reflexhammer wellenförmig zusammen, dann weiß ein erfahrener Neurologe meist Bescheid. Zur Bestätigung des Verdachts, daß eine multiple Sklerose (MS) vorliegen könnte, veranlaßt er eine Untersuchung mit dem Kernspintomographen. Dabei werden dann im Ernstfall für die Krankheit typische Narben (Plaques) an den Nervenscheiden im Gehirn sichtbar.

Die Diagnose MS erschreckt viele Patienten zutiefst. Denn die MS verkürzt zwar häufig die Lebenserwartung kaum, aber sie ist unheilbar und führt in einem steten Auf und Ab zwischen Besserung und Verschlechterung allmählich zu Lähmungen, die im Endstadium den Atemtrakt erreichen oder schwerste Infektionen hervorrufen. Bislang haben viele verzweifelte Versuche der Kranken und ihrer Ärzte versagt, das drohende Schicksal zu wenden, etwa mit Kortison oder Vollwertkost. So blieb das Leben im Rollstuhl und Fügen in das Leiden grausige Gewißheit. Viele haben das Schicksal MS-Kranker miterlebt, ein prominentes Beispiel war der fränkische Freiherr von Guttenberg, ein Gegenspieler Herbert Wehners.

Nun kommen gute Nachrichten für MS-Kranke vom IV. Internationalen Kongreß für Neuroimmunologie in Amsterdam. Dort haben in der vergangenen Woche amerikanische und kanadische Nervenärzte Ergebnisse zweier kontrollierter klinischer Studien mit zwei gentechnisch erzeugten beta-Interferonen (INFB) vorgestellt. Bei rund einem Drittel der insgesamt 673 in die Studien einbezogenen MS-Kranken im fortgeschrittenen Stadium konnten sie zwar keine vollständige Heilung beobachten, wohl aber eine statistisch signifikante Verringerung der Schübe des Leidens.

Die Patienten hatten jeweils einen fünf Jahre langen Krankheitsverlauf mit spastischen Lähmungen, Entleerungsstörungen der Blase und dadurch bedingten Entzündungen der Harnwege durchlitten. Im Kernspintomogramm ließ sich an den typischen Plaques die MS nachweisen. Nach der zweijährigen Behandlung mit wöchentlichen Injektionen des entweder aus Hamsterzellen (von der US-Firma Biogen) oder Kolibakterien (von der Schering-Tochter Berlex) gentechnisch produzierten INFB verschwanden nicht nur die meisten Plaques an den Nervenscheiden im Gehirn. Ein Teil der Patienten verlor auch die Gang- und Bewegungsstörungen, die regelmäßig überprüft wurden.

Die US-Arzneimittelbehörde hat das von Berlex hergestellte beta-Interferon bereits zugelassen. An der US-Börse stiegen die Schering-Aktien, obwohl beta-Interferon nicht frei verkäuflich ist und die Produktion dem Bedarf hinterherhinkt. Deshalb müssen sich die rund 100 000 amerikanischen MS-Kranken, die sich in einer mit dem Studienprotokoll vergleichbaren Phase der MS befinden, an einem Losverfahren beteiligen. Schon mehr als 70 000 von ihnen sind registriert. Nur etwa jeder vierte bis fünfte kann bei der Vergabe von INFB berücksichtigt werden.

Die 120 000 deutschen MS-Kranken müssen vermutlich noch länger warten. Frühestens im nächsten Jahr will die europäische Zulassungsbehörde in Brüssel ihr Plazet geben. Erfahrungsgemäß mahlen die bürokratischen Mühlen langsam: So schmort die Zulassung des gentechnisch hergestellten Insulins bereits länger als sechs Jahre.

Der Erfolg der neuen Therapie beruht auf Erkenntnissen aus der Immunologie und Molekularbiologie. Hierdurch ist endlich die Ursachenforschung bei noch vielen unbekannten chronischen Leiden wie Rheuma oder (insulinpflichtigem) Diabetes in Gang gekommen. Heute scheint festzustehen, daß eine entgleiste körperliche Abwehr sowohl die Ursache von multipler Sklerose wie auch von rheumatischer Gelenkentzündung und Zuckerkrankheit ist.