Von Helmut Schödel

Gibt es einen Pfad zum Himmel, so führt er durch die Hölle, mindestens für mich.

Grabbe, „Don Juan und Faust“

Über einem Friedhof im tiefen Österreich geht ein Unwetter nieder. Die warme Erde des Friedhofsbodens verwandelt den kalten Regenguß in Nebelschwaden, die sich auf die schwarzen Grabsteine legen. Die goldenen Inschriften leuchten in der plötzlichen Gewitternacht, als hätten die Toten selber in den Steinen Lampen befestigt, die sie beim ersten Donnergrollen wie auf ein geheimes Zeichen hin anzünden.

Im Grabfeld Nr. 11, neben einer Tanne, hört das goldene Gefunkel auf. Ganze Sätze sind in den Stein gemeißelt und strahlen giftig gelb: „Dies ist das Grab eines Bösewichts. Er wurde 1958 geboren, war böse und starb am Neujahrsmorgen 1994. Ein kurzes, aber erfülltes Leben.“ Darüber der Name des Toten in Runenschrift, eckig und zackig wie die Blitze: „Werner Schwab“.

Der Gewitterwind heult ein letztes Mal auf, der Regen verebbt, und die Lampen in den Grabsteinen verlöschen. In der wieder aufgehenden Sonne flüchten die letzten Friedhofsbesucher wie verjagt von diesem einen Toten. Ein Spuk auf dem St.-Peter-Friedhof in Graz.

Natürlich spukt es in Wahrheit gar nicht auf dem Grazer Stadtfriedhof, wo Schwab begraben liegt. Die Friedhofsverwalterin kennt den Platz schon gut: „Ach, der vom Theater. Da gehn Sie immer geradeaus, bei der Wasserleitung links und dann neben der Tanne.“ Dort steht ein Holzkreuz. Schwabs Mutter pflegt das Grab, seine Freunde besuchen es. Das ist alles. Schwab war als Lebender und ist als Toter kein Dämon, auch wenn er die Horrorphantasien seiner Leser und Kritiker zu fast pathologischen Höhenflügen anregte.