Und da hat mein Vater gesagt, dumm genug sind die, die jetzt fortgehen, wo die große Zeit anfängt. Es ist auch zu dumm. Wirklich blöd ist das. Wo nämlich gerade jetzt alles so großartig bei uns ist, prima, sag ich Dir " So schreibt Paul an Erwin, der mit seinem Vater üeber ins schwedische Exil geflohen ist, als dem "neuen Geist" der Nazis zu folgen "Erwin und Paul" heißt der erste Band der "Kinder aus Nr. 67" von Lisa Tetzner, und schon das Schicksal des dritten Buches aus dieser Reihe spiegelt die Irrfahrten dieser "Kinderodyssee" in seiner Entstehungsgeschichte wider.

Der Band "Erwin kommt nach Schweden" muß 1941 in Stockholm erscheinen, obwohl Lisa Tetzner in der Schweiz lebt und schreibt, denn die Schweiz stimmt einer Veröffentlichung zu dieser Zeit nicht zu, aus Rücksicht auf ihre Neutralität. Erst 1944 kann Hans Sauerländer in seinem Aarauer Verlagshaus das Buch herausbringen - allerdings in einer immer noch zensierten Fassung. In Deutschland taucht der Roman erstmals 1948 auf, weitere Auflagen lassen auf sich warten: Man will nichts lesen vom alten "neuen Geist".

Keimzelle der schließlich neun Bücher umfassenden Serie "Die Kinder aus Nr. 67" war eine Sendereihe des Berliner Rundfunks, in der Lisa Tetzner eine "Spielschar" um sich versammelt hatte, Kinder, mit denen sie Hörspiele improvisierte und Märchen besprach. Sie wurden die Protagonisten von Nr. 67, jenem Berliner Hinterhaus, in dessen Hof nie ein Sonnenstrahl fiel.

Trotz der sich bereits 1933 abzeichnenden politischen Veränderungen, die im ersten Band schon verhalten anklingen, waren der letztendliche Umfang und die Bedeutung dieses Projekts wohl auch für Lisa Tetzner damals nicht vorhersehbar.

"Die Kinder aus Nr. 67" wurden zur einzigen zeitnahen, realistischen und von einem zutiefst pazifistischen Geist geprägten Darstellung der Zeitgeschehnisse im Kinderbuch, die während des Dritten Reichs entstand. Auch der neunte und letzte Band der Serie, in dem Lisa Tetzner das Kriegsende und die Schwierigkeiten eines neuen, friedlichen Miteinanders antizipierte, entstand vor 1945 - erscheinen konnte er erstmals 1949 "Der neue Bund" ist dann auch eine letzte große Abrechnung mit dem Gewaltregime zwischen 1933 und 1945, gibt jedoch gleichzeitig einen hoffnungsvollen Ausblick in die Zukunft. Erzählt wird vom Wiedersehen der Kinder in der Schweiz, zusammen mit den auf der Flucht um die halbe Welt gewonnenen Freunden. Sie gründen einen Bund des Friedens. Doch als Gründungsakt verbrennen sie die Satzung; sie haben gelernt, daß unabänderlich formulierte und erstarrte Gesinnungsmanifeste gleich welcher Art als Auslöser und Vorwand für Kriegstreiberei mißbraucht werden.

Der Gründerin der Internationalen Jugendbibliothek in München, Jella Lepman, schickte Lisa Tetzner diesen Band der "Kinderodyssee" mit den Worten: "Ich weiß, daß Sie meinen, ich habe mich politisch zu weit darin vorgewagt und das Werkchen mit kommunistischen und anderen Tendenzen belastet. Ich hoffe, der Schlußband erklärt deutlicher, welchen Geist ich predigen möchte. Er ist jener Romain Rolland Geist der Menschlichkeit "

Trotz dieser beschwichtigenden Worte reagierte Jella Lepman - der die Erfahrung des Exils ebenfalls vertraut war - ungehalten und drängte die Autorin, "in ihre eigentliche Märchenwelt zurückzukehren". Mit dieser Haltung stand sie nicht allein: Zu Lebzeiten Lisa Tetzners wurde ihre Leistung, den Zweiten Weltkrieg und seine Auswirkungen auf die Kinder dieser Welt literarisch zu verarbeitet zu haben, nur von den wenigsten erkannt. In Deutschland galt sie als Nestbeschmutzerin - zu unzeitgemäß, zu ehrlich war ihr Ansatz.