Von Jens Reich

Der 4. November 1989 gehört zu den aufregendsten Daten meines Lebens und gleichzeitig zu den merkwürdigsten Tagen der deutschen Geschichte. Seine Bedeutung wird völlig disparat beurteilt, und dabei wird es wohl immer bleiben. Da schwärmen die einen davon, es sei der schönste Tag der DDR-Geschichte gewesen, der Traum ihres wirklichen Neubeginns; die anderen sehen einen lächerlichen Zirkus aller Gescheiterten, der Machthaber und der Narren.

Ich bin einer von den siebzehn gewesen, die in jener Vorstellung einen Auftritt von genau fünf Minuten hatten. Was ich damals vortrug, war mein eigener, improvisierter Text, mit niemandem abgesprochen, auch nicht mit dem Neuen Forum, als dessen Vertreter ich eingeladen war. Seine Berliner Initiativgruppe war sich unschlüssig, ob wir überhaupt auftreten sollten, und befürchtete bei einer Rednerliste, die von Christa Wolf bis zu Markus Wolf die Vereinnahmung durch das wendebereite Regime. Man riet mit nicht gerade von dem Auftritt ab, gab mir aber auch nichts mit auf den Weg. Ich lief sozusagen allein mit der Fahne des Neuen Forums. So hielt ich mich mit meinem Kurzvortrag an das Thema der Demonstration: Artikel 27 und 28 der DDR-Verfassung, die die Meinungs- und Versammlungsfreiheit aller Bürger behandelten. Was ich dazu sagen konnte, war, daß diese Rechte nur in einer angstfreien Gesellschaft etwas bedeuten können, in der Zivilcourage zur Verhaltensausstattung gehört. In Deutschland, West wie Ost, früher wie heute eine ganz seltene Sache; Otto von Bismarck ist mein unverdächtiger Zeuge, er hat das einmal ausgesprochen. Im übrigen war meine Absicht, unser Handeln in den globalen Zusammenhang zu stellen: Wenn ich nicht irre, war ich der einzige, der Prag und Südafrika, also gerade aktuelle Befreiungsbewegungen jenseits des Kirchturms behandelte – der Beifall hielt sich in Grenzen.

Vor mir war ein Heer von Menschen, die aus Angst, Langeweile und Unterwürfigkeit aufzubrechen sich anschickten und bald darauf wieder in den verdrossenen Zustand zurückfallen würden. Ich weiß bis heute nicht genau, wie viele da eigentlich standen, dicht gedrängt, soweit das Auge von der Lastwagenpritsche aus reichte: kein Ende. Gesichter, Gesichter, Gesichter, jedes einzelne deutlich, unverwechselbar, alle zusammen ein Meer. Ich habe später, typisch mathematisch geschulter Wissenschaftler, zu berechnen versucht, wie viele es waren. 200 000 Quadratmeter waren von Menschen dicht bedeckt: vom Alexanderplatz bis zum Spreekanal jenseits des Palastes der Republik, von der Rathaus- bis zur Liebknechtstraße. Zwischen zwei und vier Menschen mögen auf einem Quadratmeter gestanden haben; also etwa 600 000 Menschen. Das wäre praktisch der mobile Anteil der Bevölkerung Ost-Berlins und seiner Randgebiete (insgesamt lebten dort knapp über eine Million) – weit, weit mehr, als je zu einer Kundgebung zum 1. Mai oder zum Tag der Republik gekommen waren, wenn dem Neuen Deutschland zufolge "Hunderttausende froher und zufriedener Menschen die Straßen säumten".

Ich fand mich nicht zurecht mit dem taumelnden Gefühl, vor dieser unübersehbaren Menge in die Mikrophone zu reden. Ich hörte von allen Seiten das zeitversetzte Echo meiner Worte aus den Lautsprechern und wußte nicht, wie langsam und wie laut ich da schreien müßte, damit nicht alles im Nachhall verrührt würde. Ich habe deshalb zu träge gesprochen, zu nachdenklich – eine Rede von schwacher Wirkung. Ich war überdies gehemmt durch die ständigen unfreundlichen Zwischenrufe aus den ersten Reihen vor mir: Dort hatte man offensichtlich die Getreuen von der Sicherheit postiert, die pfiffen und riefen "pfui", als ich die Namen von Wolf Biermann und Erich Loest aussprach (die keine Einreise erhalten hatten). Daß im weiten Rund Tausende Beifall klatschten, war für mich übertönt von den giftigen Einwürfen direkt unter mir. Ich glaubte nachher, ich sei genauso ausgepfiffen worden wie Markus Wolf vor und Günter Schabowski kurz nach mir.

Die Redner befanden sich während der vier Stunden innerhalb eines gesperrten Areals und hatten Zugang zum Café "Espresso" als Versammlungs- und Rückzugsort. Dort war die bunteste Gesellschaft versammelt, die die DDR jemals hervorbringen konnte, ein Panoptikum: Schriftsteller, Schauspieler, Wissenschaftler, Künstler, Journalisten, Pastoren, Politiker, Bonzen, Bürgerrechtler, Photographen, alle aufgeregt durcheinander eilend, im hektischen Wortfetzenaustausch mit einem Gewimmel von Ost- und West-, Video-, Audio- und Printmedien.

Wie das Fest des 4. November wirklich verlief, welche Stimmung herrschte, habe ich vollständig erst später aus Dokumentationen und Erzählungen erfahren. Es war ja unter den Demonstrationen des Herbstes die erste, die bei Tageslicht und Sonnenschein stattfand. Sie war nach längerem Gerangel mit den Behörden in einer "Sicherheitspartnerschaft" offiziell genehmigt worden. Sie Dunkelheit im Laternenlicht statt, mit schneller Bewegung und dumpfen Sprechchören wie die Leipziger Montagabende oder die Berliner Umzüge vor das Krenzsche Staatsratsgebäude in den zwei Wochen zuvor. Es war ein fröhliches Defilee mit Plakaten und Spruchbändern von beachtlicher Wortkomik und erstaunlicher Treffsicherheit, wie ich es bei einem Massenmeeting in Deutschland nicht für möglich gehalten hätte. Auch beim Wiederlesen versetzt mich diese Mischung aus Friedfertigkeit und beißender Kritik in Erstaunen. "Reisepaß für jedermann, den Laufpaß für die SED!" hieß es da oder: "Mode 89: Wendejacken!" oder: "Kein Artenschutz für Wendehälse!" oder: "Verfassung ist keine Auslegewäre!" oder: "Krenz Xiao Ping? Nein danke!" oder: "Schickt Blumen, keine Krenze!". Prophetisch und zugleich vorsichtig: "Die Mauer – im Kopf – muß weg!" Alle Reden und die Mehrzahl der Plakate hielten sich an das vorgegebene Thema. Berliner Theater- und Filmleute hatten die Demonstration in einer Versammlung im Deutschen Theater kurz nach den makabren Prügeleien zum Festtag der Republik beschlossen und beim Innenministerium die Genehmigung beantragt. Der ursprüngliche Anlaß war durch die Ereignisse überholt. Zum Beispiel war Kurt Hager bereits zurückgetreten, so daß die Losungen gegen ihn ins Leere zielten. Die Herrschenden hatten den Medienzar Hermann bereits geopfert, sie wollten Meinungs- und Versammlungsfreiheit gar nicht mehr unterbinden, sondern Anführer der "Erneuerung" sein. Die veranstaltenden Künstler hatten penibel auf Ausgewogenheit der Rednerliste geachtet und sich da nicht hineinreden lassen. So kam es zu dem denkwürdigen Auftritt eines Kabinetts von Charaktermasken und reinen Toren. Von den Bürgergruppen waren Neues Forum, Initiative Frieden und Menschenrechte und der Demokratische Aufbruch vertreten, dazu noch die neubegründete sozialdemokratische Partei. Demokratie Jetzt! war aus unerfindlichen Gründen nicht dabei. Intellektuelle Prominenz war reichlich vertreten: Christa Wolf, Christoph Hein, Stephan Heym, Heiner Müller, Friedrich Schorlemmer und weitere. Sie alle formulierten Stimmungen, kaum konkrete politische Forderungen. Typisch dafür war Stephan Heym mit seiner schriftstellerischen Metaphorik: Er fühle sich, als sei in einem miefigen Raum ein Fenster aufgestoßen und frische Luft hineingelassen worden. Manfred Gerlach, der Staatspräsident ad interim, forderte den Rücktritt der Marionettenregierung Stoph, Ulrich Mühe die Streichung der führenden Rolle der SED aus der Verfassung – die Erfüllung beider Forderungen war ohnehin beschlossene Sache.