Von Jürgen Krönig

Saublöd benommen hatten sich die ertappten Politiker, tönte Alan B’stard: Sie hätten die Preise verdorben, 2000 Pfund pro parlamentarischer Anfrage seien geradezu lächerlich, er habe seinerzeit in Westminster das fünffache Honorar kassiert. Und überhaupt – wenn man schon Geld einstecke, müsse man sorgfältig darauf achten, immer auch etwas gegen die Geldgeber in der Hand zu haben, schlüpfrige Photos etwa oder belastende Tonbänder.

Mr. B’stard, ehemaliger Unterhausabgeordneter der Konservativen, ist eine Figur aus einer jener beunruhigend realistischen Polit-Satiren, die das britische Fernsehen immer noch auszeichnet. Als "New Statesman" (so der Titel der Fernsehserie) verkörperte er den Prototyp des neuen Tories, den die Thatcher-Dekade ins Unterhaus spülte. Schamlos ehrgeizig, zynisch, respektlos und absolut geil – nicht nur, aber doch hauptsächlich aufs Geld. Kein Geschäft war ihm zu schmutzig, ob Insider-Absprachenan der Börse, Waffenhandel, anrüchige Lobbyverträge, Geld für parlamentarische Anfragen – da war keine Gelegenheit, die er sich durch die Lappen gehen ließ.

Jetzt hat die Realität die Fiktion eingeholt. Kein Tag vergeht, an dem die Presse nicht neue Skandalgeschichten über allzu raffgierige Politiker enthüllt. Die Hauptrollen in der derzeitigen Westminsterposse spielen Parlamentarier, denen keine Geldquelle zu anrüchig ist; ein Premier, dem die Zügel immer mehr entgleiten; und ein ägyptischer Millionär, offenbar fest entschlossen, die Regierung zu destabilisieren. Selbst eine so angesehene Zeitung wie der Guardian schreckt bei der Hatz auf Sünder nicht davor zurück, gefälschte Faxe auf Unterhaus-Briefbogen zu verschicken. Um die Sache abzurunden, fehlte eigentlich nur noch ein Sexskandal. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Eins ist sicher: Um das Pariser Ritz-Hotel dürften Tory-Politiker in Zukunft wohl einen weiten Bogen schlagen; wer dort absteigt, so lästert man in der konservativen Unterhausfraktion, habe gute Chancen, seinen Posten zu verlieren, selbst wenn die Ehefrau das Zimmer teile. Einen Ritz-Gast hat der kostenlose Aufenthalt bereits seinen Job gekostet: Juniorminister Neil Hamilton, im Handelsministerium ausgerechnet zuständig für "unternehmerische Ethik".

Nicht ausgeschlossen, daß es bald schon einen weiteren Besucher der Nobelherberge erwischen wird: Jonathan Aitken, einflußreicher Staatsminister im Finanzministerium. Er wurde schon von manchen als künftiger Parteiführer gehandelt und gilt nicht nur wegen seiner mannigfaltigen unternehmerischen Aktivitäten im Banken- und Rüstungssektor als gewiefter, hart kalkulierender Bursche. Nach seinem Ausflug in die französische Hauptstadt sind jedoch gewisse Zweifel an Organisationstalent und Erinnerungsvermögen des Ministers erlaubt.

Über ein Jahr benötigte Aitken, bevor er in einem Briefwechsel mit dem Guardian und später dann gegenüber John Majors Kabinettssekretär Sir Robin Butler die Ungereimtheiten seiner Pariser Visite erläuterte. Warum war Aitken nach Paris geflogen? Um mit Ehefrau und Tochter zusammenzusein, bevor das Töchterchen aufs Internat in der Schweiz zurückkehrte. Nur – Frau und Tochter waren gar nicht im Ritz abgestiegen. Hat Minister Aitken dort nun seinen langjährigen Geschäftsfreund Said Mohammed Ayas, Patenonkel seiner Tochter, getroffen oder nicht? Die Antwort: Ein klares Jein.