Noch selten hat es im Bilderbuch so geleuchtet. Selten. Schon auf dem ersten Bild eine giftgrüne Tür rechts, davor ein Mädchen mit rotem Kleid und rabenschwarzen Augen, links eine aprikosenfarbene Mauer und in der Mitte: der blaue Hund. Ein blauer Hund? Ja, und zugegeben, im ersten Augenblick regt sich hier der Impuls, das Buch wieder zuzuklappen, doch da ist es schon zu spät. Das blaue Tier mit den grünen Augen hat seine Magie entfaltet. "Blauer Hund" von Nadja - 1955 in Ägypten geboren und heute in Paris ansässig - klebt wie ein Magnet im Hirn.

Die Geschichte, sie ist schnell erzählt: Eines Tages taucht vor Charlottes Haustür besagter Hund auf. Er besucht sie nachts, immer häufiger, bis die Mutter die Freundschaft verbietet. Bei einem Picknick mit den Eltern verirrt sich Charlotte im Wald. Es ist der blaue Hund, der sie in der Dunkelheit findet und sich mit ihr in einer Höhle für die Nacht einrichtet, sie im Schlaf vor dem bösen Nachtgeist in Gestalt eines schwarzen Panthers beschützt. Am nächsten Morgen kehren Charlotte und ihr blauer Retter nach Hause zurück, nun dürfen sie zusammenbleiben.

Anhaltende Faszination gewinnt der bewußt schlicht gehaltene Text jedoch erst durch die der Malerei verpflichteten Bildtafeln. Die Künstlerin Nadja kontrastiert leere, wuchtige Farbflächen mit grob gepinselten Formen. Charlotte im Wald beim Beerenpflücken: am Boden kauernd, nackte Ärmchen und Beine, das Gesicht so unverhohlen traurig - und hinter ihrem Rücken wirft das Tageslicht ein gemeines Gelbgrün. Charlotte verloren in der Dämmerung: hilflos, verzweifelt, umgeben allein von einem Farbengewebe aus dumpfbraunen und goldgelben Tönen. Charlotte im Glück: Das Mädchen reitet auf dem Tier, dessen Blau so grell ist wie der Hund groß, und die grüne Tür ist weit geöffnet.

Vieles läßt sich an Nadjas "Blauem Hund" deuteln und befeuert gewiß den Interpretationseifer von Symbolknackern (blau - Unendlichkeit, Höhe und Tiefe, rettender Schutzengel), Psychofreunden (verkörpert der blaue Hund etwa das Männliche?) und Kunstkennern (Nadjas explosive Bilddramaturgie und die der Fauves Schule entlehnten naturfremden Farben, Franz Marcs "blaue Pferde"), ja selbst der Name der Künstlerin schürt Rätsellust (wie war das noch mit Andre Bretons surrealistischem Roman "Nadja"?).

Weitaus vielsagender aber ist die Tatsache, daß der 1989 im französischen Verlag Lecole des loisirs erschienene "Chien Bleu" ein Jahr später mit dem Genfer Prix Enfantaisie ausgezeichnet wurde, von Kindern also - Kindern! Denn nichts dürfte sie unmittelbarer ansprechen als diese Bilder der Urangst, allein und verlassen zu sein und dabei den Erlöser so übergroß nahe zu sehen - als blauen Hund. Brigitte Jakobeit Aus dem Französischen von Eva Ziebura; Moritz Verlag; Frankfurt am Main 1994; 40 S, 29 80 DM