Ein Mittel, sich aus der Gegenwart zu stehlen, ist die Behauptung, sie sei durch und durch von der Vergangenheit infiziert. Ein Mittel, auch noch der Vergangenheit selbst auszuweichen, ist deren „Poetisierung“, ihre Umschreibung in Träume, Ahnungen, zwielichtige Bilder.

Judith Kuckart hat sich in ihrem zweiten Roman „Die schöne Frau“ an ein schreckliches, düster-bizarres und weitgehend vergessenes Thema gewagt: an das SS-Menschenlabor „Lebensborn“, eine von Heinrich Himmler 1935 eingerichtete biologische Zuchtanstalt für die „arische Rasse“, wo der Sex dem Führerverlangen (nach Reproduktion) unterworfen wurde und die Blonden und Blauäugigen in seinem Namen kopulierten. Ein Thema für die Literatur durchaus. Man kann es sich als historische Farce in Tabori-Manier vorstellen, als Station in einem modernen pikarischen Roman, vielleicht auch als unheimliche Erbschaft in einer unscheinbaren Nachkriegsbiographie.

Letzteres scheint Judith Kuckart vorgeschwebt zu haben. Ihre Heldin Bertha, lustlose Dramaturgin an einem Provinztheater, erfährt durch die Briefe ihrer Mutter, daß deren gestörte Familien- und Männerbindungen zurückgehen auf die Nazi-Vergangenheit der Großmutter, ja daß die Mutter und also auch Bertha selbst im Grunde Lebensborn-Klone sind. Fortan leidet sie unter ihren blauen Augen und blonden Haaren und irgendwie auch unter ihrem ungeregelten Sexualleben und irgendwie auch unter der Provinz und dem Theater und der Luft und dem Leben. Diesem ungefähren Leiden an allem und jedem entspricht die Ungenauigkeit, mit der die matrilineare Familiengeschichte nachgeholt wird.

Über hundert Seiten versucht uns Judith Kuckart mit dem Wort „arisch“ zu erschrecken, das immer nur als „das Wort“ angekündigt wird, als ob sich in ihm die faschistische Fatalität glaubhaft bündeln ließe. Und das ist nur einer von vielen Tricks, das Vergangene nicht erzählen zu müssen, aber auch nicht genaue Rechenschaft über sein Fortwirken zu geben. Die Tochter und Enkelin Bertha leidet genauso unbestimmt, genußvoll melancholisch, sensibilistisch egoman wie so viele literarische BRD-Helden seit den siebziger Jahren, nur daß sie eine Nazi-Hetäre als Großmutter zu haben behauptet. Sie ist genauso schick verloren und einsam kunstliebend wie ihre gebildeten, in stiller Verzweiflung und dunkel glänzenden Träumen hängenden literarischen Schwestern der Empfindsamkeit.

Der ganze dunkle mystifizierende Ton, traumatisch und träumerisch aufgeladen von der ersten Zeile an, schluckt alle Realia der Geschichte und der Biographie. Jede szenische Konkretheit verliert sich in einem schwachen surrealen Dämmerlicht: die Beleuchtung des gesamten Romans. Alles ist gestellt, gewollt, inszeniert. Man kann den Stil lyrisch nennen, wenn man darunter raunende Bitternis, kapriziöse Bilddramaturgie und sententiösen Nebel versteht.

Selten findet man einen klaren Satz: „Dieser Lebensbaum oder Lebensborn ist nur die Kehrseite der Konzentrationslager.“ Doch wird er gleich gestört durch ein läppisches „Nach K kommt L, das ist nur folgerichtig.“ Das ist von einer Figur gesprochen, zugegeben, doch ebenso funktioniert der Roman: Er hebt an, uns etwas Wichtiges zu erzählen, läßt es dann aber lieber verschwimmen in einem vagen Stimmungsgemälde. Hubert Winkels

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