Der Pinsel ist ein Zauberstab Auch jedes seiner anderen Werkzeuge, auch Bleistift, Kamera, Feder und schließlich Messer und Stechbeitel hätte er zum magischen Instrument erheben können, er, der Alchemist der kühn poetischen Gestaltungen, Jürgen Spohn. Der eigensinnigste Bilderbuchmacher der Bundesrepublik starb im Juni 1992.

Spohn war ein Grenzgänger zwischen freier Graphik und Kinderbuchillustration, zwischen Kulturplakat und Kinderlyrik. Daß davon vor allem die Kinderliteratur profitierte, ist naheliegend. Kaum einer hat so konsequent das Spiel der Kunst für Kinder betrieben, gegen den "Tantengeschmack" und für die Ästhetik des scheinbar Banalen. Die alltägliche Dingwelt, von der Popart zum Thema stilisiert, gewinnt in Spohns Bildwelt eine leise Komik, an der selbst die Hirten der kinderliterarischen heiligen Kühe nicht vorbeikamen. Ironie der oft auch ironisierenden Bildideen: Jürgen Spohn erhält 1981 den Deutschen Jugendliteraturpreis, allerdings für seine Kindergedichte in "Drunter & Drüber".

Daß er zu Reimen mit Kürzestzeilen fand, daß seine zur Lyrik umbrochenen Prosasätze nicht selten einer einzigen Pointe dienten, das erscheint im Rahmen des Gesamtwerks mit einem Male zwingend. Der Künstler setzte auf die Entschiedenheit und Kraft der Form, er lehnte alles Ornamentale (das sogenannte Kindgemäße) ab und spielte dafür mit graphischen und sprachlichen Elementen; oft reihend wie die seriellen Werke der Pop art. Früher schon hatte Spohn in seinen Plakaten mit genialen Bild Text Verbindungen Aufsehen erregt und ein überrumpelnd mitdenkendes Hinschauen provoziert. Die Ernsthaftigkeit und Professionalität, mit der er sein Spiel betrieb, frappiert noch immer, gerade auch im klug versammelten Überblick, konzipiert durch Barbara Spohn und Jens Thiele.

Ebenso adäquat wie in den rund 150 ausgestellten Originalen kommt Spohns Leistung im Katalog zum Ausdruck. Da wird der Hochschullehrer Spohn - er unterrichtete zwanzig Jahre an der HdK Berlin - portraitiert; da interpretiert Elisabeth Hohmeister überzeugend die Holzschnitte. Da werden Spohns Bilderbücher behandelt: von Horst Künnemann mit Blick auf die zeitgenössische Kinderliteratur und vom Herausgeber Jens Thiele im Vergleich mit der freien Kunst. Sein Aufsatz zeigt exemplarisch die Möglichkeiten und Grenzen, aktuelle Kunst und Bilderbuch zu verbinden. Ein Grund mehr, den Katalog zur Pflichtlektüre für angehende Illustratoren zu erklären. Wenn sie dadurch auch den Aufsatz von Hans Joachim Gelberg lesen, so wissen sie um alle höheren Formen des Scheiterns zwischen Künstler und Lektorat. Mit Freude über alles Gelingen (auch in anderen Verlagen) reflektiert Gelberg seine Schwierigkeiten mit den kompromißlosen Buchkonzepten und erläutert so, weshalb Spohn "circa 44 Bücher in circa 20 Verlagen veröffentlichte " Wie hätte der Moralist Jürgen Spohn ein Plakat gestaltet; um diesen Katalog als intelligentes Lehrstück anzupreisen? Sicher ist nur, daß er sich selbst als Lehrling bezeichnete, mit seinem Stempel "LEHRLING IM NEUNUNDFÜNFZIGSTEN JAHR". Hans ten Doornkaat