Der Wecker erlöst mich Punkt 6.30 Uhr aus dem Schlaf. Gott sei Dank. Ich habe schon wieder von Knöpfen geträumt. Die Kleinen haben sich mit den Großen verbündet, schießen durch meine Werkstatt und wollen sich nicht annähen lassen.

Wenn ich mir die Zähne putze, kreisen meine Gedanken schon wieder um den Prototypen in der Werkstatt. Seinetwegen schlafe ich schlecht. Die Maschine soll das Annähen von Knöpfen in der Textilindustrie vereinfachen. Die Näherin muß den Stoff nicht mehr anfassen, weil die Knöpfe genau unter der Nadel plaziert werden. Wenn’s endlich klappt.

Meine Frau ist skeptisch. Sie glaubt, ich habe mich blauäugig in die Selbständigkeit gestürzt. Dabei hatte ich gar keine andere Wahl, als ich bei Olympia letztes Jahr entlassen wurde. Nach 33 Dienstjahren. Wer stellt denn heutzutage noch einen Fünfzigjährigen ein?

Im Büro werfe ich zuerst einen Blick auf die Schiefertafel. Vielleicht hatte mein Partner Thomas ja am späten Abend noch ’ne geniale Idee. Also, mir kommen die besten Ideen morgens. Die werden dann diskutiert und dann geht es am Computer zur Sache: Mittlerweile entscheidet der über Top oder Flop. Früher habe ich die Geräte abgelehnt, aber der PC ist einfach schneller. Gibt er grünes Licht, geht es sofort in die Werkstatt, wo wir das Teil bauen, ohne lästige Verwaltung. In den Olympia-Werken bin ich wegen der Bürokratie schier verzweifelt.

Der Prototyp wird immer besser. Das haben uns auch schon Fachleute bestätigt. Sie haben uns Mut gemacht. Aber wir sind noch nicht am Ziel und haben deshalb noch keinen Pfennig gesehen. Nur gut, daß ich Arbeitslosengeld bekomme. Diese Ungewißheit, ob ich von der Erfinderei leben kann, kostet mich ganz schön Nerven.

Aber besser als daheim rumsitzen und nichtstun, wie meine ehemaligen Kollegen. Viele hängen durch, ziehen sich die Decke über den Kopf. Plötzlich bist du Frührentner. Einfach so.

Wir haben die „Interessengemeinschaft Olympia“ gegründet, uns gegen den teilweise ungerechten Sozialplan gewehrt und gegen die Kündigung geklagt. Die angebotenen Ersatzarbeitsplätze waren ein Witz. Manche der Kollegen mußten wir regelrecht überreden zu klagen. Die sagten, Mensch Lutz, ich war noch nie vor Gericht. Der Betriebsrat hat gegen uns gehetzt. Egal. Es hat sich gelohnt. Manche haben jetzt viele Tausender mehr in der Tasche. Mit soviel Geld kannst du vielleicht zu neuen Ufern schwimmen.