Sie heißen „Ostsee- oder Bethanien-Center“ und bestehen meist aus riesigen bunten Auto-, Möbel- und Shopping-Centern, deren Schuhkarton-Architektur einfach in die offenen LPG-Landschaften vor Städten und an Autobahn-Abbringern geklatscht wurde. Die Ausweisung der Äcker zu Gewerbegebieten und ihre Erschließung durch die Gemeinden wurden von Bund und Ländern finanziert und sollte praktisch einer dritten Fruchtfolge (Bauerwartungsland) gleichkommen. In vielen Fällen funktionierte das auch. Zwar meint der Berliner CDU-Umweltsenator Volker Hassemer: Bei diesen „Klötzen im Speckgürtel, hinter dem Schöneberger Flughafen in Waltersdorf zum Beispiel, dreht sich mir der Magen um“, aber das Waltersdorf-Center – bestehend aus bis jetzt Ikea, Möbel Höffner, McDonald’s, dem Wasserbett-Center, Toys „R“ Us, einem Garten- und einem Elektro-Center – boomt wie verrückt. Man muß lange Staus bei der An- und Abfahrt in Kauf nehmen.

Ikea lädt gerade, zum Herbstbeginn und zur Freude der noch nicht westlohnangeglichenen Niedervolt-Generation, zu einer „Beleuchtungswoche“ ein. Wohl wegen der Buchmesse wurden die Blindbände in den Schrankwänden durch schwedische Bestseller ersetzt. Neu ist auch Picassos „Guernica“ als Wandschmuck über Knautschcouchen von Single-Lofts. Bei Möbel Höffner („Let’s go to Höffi!“, wie es alle paar Stunden im Stadtradio heißt) gibt es neue Namens-, becher aus Porzellan mit den Vornamen der Saison: Carmen, Franziska und Bianca sowie Marc, Patrick und Dennis. Bei Toys „R“ Us sind schon die ersten Weihnachts-Paraphernalia eingetroffen und palettenweise chinesische „Haarschmuck-Ponys“. Noch magnetischer auf Mädchen wirkt Barbies neues rosa „Traumschiff“ für 119,94 DM, mit echtem Mixer (für die Cocktails an Bord). Die „Jurassic-Park“-Abteilung für Jungs schrumpft dagegen langsam, dito die Nintendo-Strecke. Der sinkenden Geburtsrate in den neuen Ländern soll ein „Puppen-Pflege-Zentrum (aus hochwertigem Kunststoff)“ entgegenwirken.

Ganz große Klasse ist das Wasserbett-Center gegenüber. Man darf dort nach Herzenslust probeliegen und bekommt sogar einen Kaffee ans Wabbelbett serviert. Dazu fachfrauliche Beratung: „Schauen Sie an die verspiegelte Decke, so können Sie Ihre Schlafstellung beobachten.“ Auch die „Black Edition“, Wasserbett-Heizungen von Kanthai (mit Fernbedienung), überzeugen. An Zubehör gibt es ferner Videos mit nackten Blondinen unter Wasser und Duftstoff-Flaschen, mit Wirkgerüchen wie „Hawaii“ und „Happy“ zum Beispiel.

Höhepunkt jedes Waltersdorf-Center-Ausflugs ist der anschließende Besuch des „Imbiß zur Hecke“, im einzigen dort stehengebliebenen DDR-Haus. Der Wirt baut es jedoch permanent um und aus. Grad hämmert er die Veranda winterfest. Schnitzel mit Bratkartoffeln kosten bei ihm 6 DM. Im „Hecken-Imbiß“ treffen sich die Einkaufswagen-Zusammenschieber und jene Endverbraucher, die in den Möbel-Centern so zugeschlagen haben, daß sie sich in deren Restaurants pekuniär nichts mehr zutrauen.

Nun zu den innerstädtischen Dienstleistungs-Centern auf den sog. „Filetstücken“. Deren Immobilienbesitzer bekamen gerade ein dickes Lob vom Berliner SPD-Wirtschaftssenator Norbert Meisner, weil sie zigtausend neue Dienstleistungsjobs geschaffen hätten. Grober Unfug: Immer mehr Räume stehen leer oder werden zweckentfremdet.

Nehmen wir nur mein Haus in Mitte: 1992 kauften es zwei windige Immobilienhändler aus Charlottenburg und ließen die Wohnungen von vier tschechischen Schwarzarbeitern zu einem Dienstleistungs-Center umrüsten. Die Ärztin und einige andere Parteienwurden per Mieterhöhung vertrieben und ich ins Nebenhaus umgesetzt. Als erstes mietete sich eine zwielichtige Welt-am-Sonntag-Werbetruppe ein, die bald pleite ging. Dann kam Frau Schmidt mit einem Bordell namens „Rent-a-Girl“.

„Wir sind ein Dienstleistungsunternehmen“, so Frau Schmidt, die selbiges schon mit 120 Girls in mehreren Orten Westdeutschlands aufgezogen hatte, bis das Finanzamt ihr dazwischenfunkte. „Meine Tochter ist aber jetzt Steuerberaterin, und die wird das diesmal juristisch durchfechten.“ Schon einige Wochen später wurden ihre Girls jedoch entlassen und statt dessen „Rent a Room“ annonciert. Dort sowie in meine alte Wohnung zogen dann jugoslawische Asylbewerber ein, ebenso in ein neues „Dienstleistungs-Center“ schräg gegenüber.

Unters Dach zogen die vier tschechischen Bauarbeiter – als eingetragene Elektrofirma, nachdem sie das Treppenhaus fliederfarben getrichen und mit Niedervolt-Lampen bestückt hatten. Diese ganze merkwürdige Verdienstleistungs-Zentnerisierung beeindruckte die Rentnerin unter mir derart, daß sie einen jungen Mann namens Jussuf heiratete. Seitdem, sagt sie, fühle sie sich wie neugeboren.