Die Debatte um den Widerstand im "Dritten Reich", die sich an den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des 20. Juli 1944 entzündete, hat die Gräben eines deutschen Meinungskrieges nicht nur durch das Lager der Historiker gezogen, sondern auch quer durch die Tagespolitik Über alles wurde mit großer Heftigkeit gestritten - nur ein Thema blieb tabu, die Frage des jüdischen Widerstands.

Nach wie vor haben Juden im deutschen Geschichtsbewußtsein ausschließlich Opfer zu sein. Zur Charakterisierung eines angeblich passiven und daher verwerflichen jüdischen Verhaltens im Zusammenhang mit dem Holocaust bemüht man gern den Bibeltext: "Und ich war wie ein argloses Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und hatte nicht gemerkt, was sie gegen mich sannen" (Jeremia 11 19). Diejenigen, die sich mit der Opferrolle nicht abfinden wollen, sind die eigentlichen "Störenfriede der Erinnerung", wie Elke Geisel es in einem Ausstellungskatalog über den Widerstand von Berliner Juden genannt hat. Wäre es sonst zu erklären, daß im deutschsprachigen Raum kaum Publikationen über den Widerstand von Juden erschienen sind? In hebräischer, englischer, jiddischer und anderen Sprachen liegen seit Jahrzehnten Standardwerke vor, die bei uns weitgehend unbekannt sind. Bereits 1943, unmittelbar nach dem Aufstand im Warschauer Ghetto, erschien das "Black Book of Polish Jews". Neben der Schilderung der Naziverbrechen an den polnischen Juden beschrieb der Autor Jacob Apenszlak schon damals ausführlich den bewaffneten Kampf des jüdischen Untergrunds.

Unmittelbar nach Kriegsende haben überlebende jüdische Widerstandskämpfer in verschiedenen Ländern mit der Aufzeichnung ihrer Erlebnisse begonnen, die heute im Archiv von Yad Vashem dokumentiert sind. Durch Vermittlung des Direktors des Londoner Leo Baeck Instituts, Arnold Paucker, konnte dann endlich 1984 auch in Deutschland die Untersuchung von Konrad Kwiet und Helmut Eschwege über den Widerstand der deutschen Juden einen Verlag finden. Das Interesse allerdings blieb gering.

Um so bewunderswürdiger ist es, daß jetzt der Frankfurter Publizist Arno Lustiger den Versuch einer Gesamtdarstellung des jüdischen Widerstands gewagt hat. Der Autor, der Auschwitz und Buchenwald überleben konnte, erklärt im Vorwort, die Auswahl der Materialien sei subjektiv und hänge mit seiner Biographie zusammen. Was Lustiger im "Ringen mit den äußerst umfangreichen Quellen, an vielen Orten und in vielen Sprachen" ohne große Mitarbeiterschar und ohne Unterstützung einer akademischen Institution zusammengetragen hat, ist beeindruckend. In zwölf übersichtlichen Kapiteln werden die Mosaiksteine des jüdischen Widerstands gegen Nazideutschland zu einem europäischen Gesamtbild zusammengesetzt.

Wir erfahren Einzelheiten über bewaffnete Aufstände in fast hundert Ghettos in Polen, Litauen, Weißrußland und der Ukraine, über den Verzweiflungskampf mit Messern und Äxten gegen die SSMannschaften in den Vernichtungslagern Treblinka, Sobibor und Auschwitz Birkenau, über jüdische Partisanenlager in den russischen Wäldern, über die Bildung einer Armee Juive im besetzten Frankreich, über den Einsatz von Fallschirmspringern aus Palästina hinter den Fronten und nicht zuletzt über todesmutige jüdische Widerstandsaktionen in Berlin und anderen deutschen Städten. Im Zentrum der Dokumentation stehen die Aufstände der Juden in Polen und Osteuropa. Neben der zusammenfassenden Wiedergabe der Berichte von Ghettohistorikern wie Reuben Ainsztein, Chaika Grossmann, Jitzhak Katzenelson oder Emanuel Ringelblum und Zitaten aus den "Akten der Täter" über die berühmten Aufstände in Warschau, Krakau, Tschenstochau, Wilna, Lemberg oder Bialystok finden sich in Lustigers Report auch erstmals ausführliche Informationen über die bisher weitgehend unbekannten Ereignisse im Schtetl Tuczyn (Wolhynien). Im Herbst 1942 leistete die gesamte Bevölkerung des kleinen jüdischen Ortes - nur bewaffnet mit Äxten, Knüppeln und Petroleumfackeln - den verblüfften deutschen Soldaten und ukrainischen Faschisten erbitterten Widerstand.

Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Darstellung der jüdischen Resistance in Frankreich. Als größte Errungenschaft des zivilen und militärischen jüdischen Widerstands hebt Lustiger die Tatsache hervor, daß über siebzig Prozent der französischen Juden den Terror der deutschen Besatzung und die Unterdrückungsmaßnahmen der VichyRegierung überleben konnten. Allein 72 000 jüdische Kinder wurden gerettet. Neben der aktiven Beteiligung an den Kämpfen der gaullistischen und kommunistischen Militärverbände schlössen sich französische Juden in mehr als zwanzig autonomen operativen Formationen und Hilfsorganisationen zusammen.

Besonders spektakulär war das Auftreten der von Abraham Polonski und Lucien Lublin in Toulouse gegründeten Armee Juive, die ihre Mitglieder vor der Waffenausbildung auf die Bibel und die blauweiße zionistische Flagge vereidigte. Erwähnt wird auch jenes dunkle Kapitel, das in Frankreich bis heute heftige Kontroversen auslöst: die Tendenz, die Resistance zu "arisieren". Die Tatsache, daß auf dem berüchtigten Nazisteckbrief "LAffiche Rouge" zehn ausländische Partisanen (davon sieben Juden) als "Hauptterroristen" abgebildet waren, paßte nicht zum Mythos der "nationalen Befreiung". Als zum Beispiel Claude Levy, der nach dem Krieg für eine Sammlung von Resistance Novellen einen Literaturpreis bekam, die Novellen auch in einem kommunistischen Verlag veröffentlichen wollte, verlangte Louis Aragon eine "Französisierung" der jüdischen Namen. Diese Tendenz entwickelte sich in der sowjetischen Geschichtsschreibung unter Stalin zum System. Noch während des Krieges wurde, wie Lustiger detailliert nachweist, der Anteil der Juden am Partisanenkampf von der sowjetischen Kriegsberichterstattung und Propaganda planmäßig verschleiert. Der Partisanenstab unternahm sogar große Anstrengungen, die Bildung von jüdischen Kampfeinheiten zu verhindern.