Die Berliner SPD liebt es, ihre politischen Talente zu verschleißen. Ganz so, als hätte sie genügend Nachwuchs für Führungspositionen. Wer immer an die Spitze der Partei tritt, muß sich mit ihren Flügeln herumschlagen. Sechs Landesvorsitzende zählt die Berliner SPD seit 1981: Stobbe, Glotz, Ulrich, Egert, Momper, Staffelt. Kaum einer hatte die Partei wirklich im Griff.

Jetzt verläßt Ditmar Staffelt sichtbar blessiert die Walstatt. Seine Genossen haben ihm das Leben nicht leichtgemacht. Er mußte Kritik und Niederlagen einstecken, gewiß nicht immer unberechtigt – aber die Konsequenzen hatte wohl niemand bedacht. Nun steht die SPD, ein Jahr vor den Wahlen zum Abgeordnetenhaus, fassungslos vor einem Scherbenhaufen. Staffelt legte den Landesvorsitz sofort nieder, den Fraktionsvorsitz will er im Dezember abgeben. Als Spitzenkandidat will er auch nicht zur Verfügung stehen, nachdem ihm Parteifreunde mit der Sozialsenatorin Ingrid Stahmer eine aussichtsreiche Konkurrentin präsentiert hatten.

Bei Staffelt mag sich Groll angesammelt haben, aber daß er den Rückzug aus der Politik schon länger plante, wie er jetzt erläutert, ist nicht ganz glaubhaft. Noch nach den Bundestagswahlen, bei denen die SPD in Berlin mit 34 Prozent ein respektables Ergebnis erzielte und nun stärker als die CDU ist, hat Staffelt verkündet, er wolle den Einfluß der SPD in der Großen Koalition stärken. Die Kandidatur von Ingrid Stahmer hat er begrüßt, weil nur so die von ihm geforderte Urabstimmung aller Parteimitglieder über ihren Spitzenkandidaten Sinn macht.

Daß Staffelt dennoch der SPD seine Ämter vor die Füße wirft, kann auch private Gründe haben, und sei es nur der Wunsch nach einem wieder halbwegs normalem Leben. Überfordert war er vor allem, weil er in der Koalition mit der CDU Kompromisse tragen mußte, die dem mächtigen linken Flügel seiner Partei nicht paßten. Die Koalition hat viel Kärrnerarbeit geleistet, aber zu richtungsweisenden Entschlüssen ist sie kaum fähig. Die SPD sucht schon länger nach einem Weg aus diesem ungeliebten Bündnis. Das geht auf verantwortliche Weise aber nur, wenn sie mehr Wähler gewinnt.

Joachim Nawrocki