NÜRNBERG. – So einig hatte sich der Stadtrat selten präsentiert und selten so ratlos. Letztendlich wußte niemand der Damen und Herren zu sagen, wie das heikle Datum – 50 Jahre Kriegsende, 50 Jahre Nürnberger Prozesse, 60 Jahre Verkündigung der Nürnberger Rassengesetze – denn zu begehen sei. Also übte man sich allseits in Vorsicht – nur ja keinen Fehler machen auf diesem glatten Parkett! – und zerpflückte ersatzweise die Vorlage der Verwaltung.

"Weniger wäre mehr gewesen", kam die Klage aus den Reihen der CSU, am Ende werde das Überangebot an kollektiver Trauerarbeit noch zu einer Übersättigung in der Bevölkerung führen. Dem FDP-Mann, ohnehin Solist im Kulturausschuß, fiel zuallererst auf, wer alles im dickleibigen Programm überhaupt nicht auftaucht. Die Uni, die Justiz nur ganz peripher, die Akademie der Bildenden Künste ist ebenso unberücksichtigt wie die Industrie- und Handelskammer.

Ein Stadtrat der Grünen suchte vergebens die aktuellen Bezüge; und selbst die in der Stadt regierende SPD befand, eine "gewisse Zufälligkeit" in dem Papier sei unübersehbar. Schließlich sprach der einsame Liberale gelassen aus, was alle im kleinen Sitzungssaal des Rathauses überdeutlich spürten: "Peinlich spät" habe die Debatte über das Gedenkjahr 1995 eingesetzt; vielleicht zu spät, um noch etwas Überzeugendes auf die Beine zu stellen.

Der Schlendrian an der Stadtspitze muß um so mehr verwundern, als das Gedenkjahr ja nicht überraschend kommt und es seit langem Vorschläge aus mehreren Initiativgruppen gibt, wie die Stadt der Reichsparteitage darauf zu reagieren habe. "Nürnberg könnte 1995 – wenn man symbolische Daten wichtig nimmt (und man sollte es tun) – eine bedeutsame Rolle spielen", schrieb bereits vor einiger Zeit Nürnbergs ehemaliger Kulturreferent Hermann Glaser in einem Beitrag für das Stadtmagazin Plärrer. Dazu freilich hätte es eines Umganges mit der Vergangenheit bedurft, der die Schrecken der NS-Epoche auch dann nicht leugnet, wenn dadurch wieder das schiefe Bild entsteht, der Ungeist jener Zeit habe nur in Nürnberg gewütet. An diesem Mut jedoch fehlte es Oberbürgermeister Peter Schönlein und seinen Beratern. Im Bemühen, bei diesem heiklen Datum nur ja keinen Fehler zu machen, verzettelten sie sich in einem kleinmütig ängstlichen Gedenkprogramm, dem in vielen Etappen der Eindruck einer lästigen Pflichtübung anhaftet. Weder steht – ein Vierteljahr vor Beginn – der endgültige Ablauf der Veranstaltungen fest, noch ist ihre Finanzierung gesichert, noch haben jene Gäste, um die man sich bemüht, bereits zugesagt.

Imposant immerhin die Galerie derjenigen, die im Gespräch waren, die aber sicher nicht kommen werden. Die neue Belcanto-Troika Pavarotti-Domingo-Carreras wird ebensowenig zu hören sein wie die Rockheroen Herbert Grönemeyer und Peter Maffay. Gestrichen wurde auch – im Rahmen eines großen Friedensfestes – das Gastspiel von Peter Steins Monumentalisierung der "Orestie" – Nürnbergs Oberbürgermeister hatte eine "Trivialisierung" der belasteten NS-Bauten rund um die Kongreßhalle befürchtet. Und auch bei dem aus der Nachbarstadt Fürth gebürtigen Henry Kissinger sprechen mehr Anzeichen dafür, daß er nicht kommt, als daß er kommt. Alles deutet auf ein Gedenkjahr der verpaßten Gelegenheiten und der verpatzten Planungen hin. "Ein echtes Not-Programm" urteilten die Nürnberger Nachrichten.

Das größte Manko besteht jedoch darin, daß auf die so naheliegende "Vergegenwärtigung des Vergangenen", wie das der Journalist Friedrich J. Bröder nennt, weitgehend verzichtet wurde. Ein Symposion, das diese Aufgabe übernehmen sollte und für das bereits Teilnehmer wie Egon Bahr, Peter Glotz, Hans Magnus Enzensberger und Eberhard Jäckel im Gespräch waren, verlief ebenso im Sande wie eine Veranstaltung mit der Nürnberger Justiz zur Erinnerung an die Kriegsverbrecherprozesse 1945. Die Stadt tue alles, um Aufsehen zu vermeiden, argwöhnen die Programmplaner; "völlig abwegig" sei dieser Verdacht, sagt ein Sprecher des Oberbürgermeisters. Gleichwohl bleibt der Eindruck, das Datum solle dadurch "entschärft" werden, daß eine Akzentverschiebung vom Konkret-Politischen zum Abstrakt-Humanitären vorgenommen wird.

Gleichzeitig rutschen Veranstaltungen in das Gedenkjahrprogramm, die, wie ein gemeinsames Glockenläuten aller Kirchen oder die Internationalen Orgelwochen, für eine Aufblähung sorgen. Mehr Potpourri als Pro-– gramm, was da unter dem hochoffiziellen Dreizeiler "Erinnerung ist nicht teilbar" / Nürnberg 1935-1945-1995 / Trauer-Dankbarkeit – Selbstverpflichtung" notdürftig zusammengehalten wird.