In unserer Serie „Seltsame Berufe“ stellen wir Ihnen heute Freddy Schleichspur vor. Lassen wir ihn selber reden: „Also ich bin Freddy Schleichspur und von Beruf regierungsamtlicher Wähler-Beschwichtiger. Das ist ein harter Job, mit dem man sich wenig Freunde macht. So nebenbei muß ich ja auch noch die Wahlgeschenke wieder einsammeln. Es ist natürlich ungemein peinlich, wenn eine kinderreiche Familie auf unseren Wahlspruch ‚Keine Einschnitte beim Kindergeld’ hereingefallen ist und soeben von den Kürzungsplänen der Regierung erfahren hat. Mein tägliches Klinkenputzen verläuft gewöhnlich so: Ich klingele an einer Wohnungstüre. Ein Mann öffnet. Ich frage ganz harmlos: ‚Haben Sie bei der letzten Wahl wieder die Koalition gewählt?‘ Er brüllt mich an: ‚Soll das eine Beleidigung sein?‘ und knallt mir die Tür vor der Nase zu.

Begreiflicherweise schlage ich einen weiten Bogen um Sozialhilfeempfänger, denn diese Leute sind ja einem täglichen Bombardement von Horrormeldungen über Sozialabbau ausgesetzt und können, wenn ich ihnen mit meinen Trostpflästerchen komme, ganz schön rabiat werden. Fatalerweise wird mir mein Job durch die vielen Versuchsballons nicht eben leichter gemacht, die Politik und Wirtschaft aufsteigen lassen, um auszuprobieren, wie weit sie mit ihren Kürzungsplänen gehen können. Wie soll ich empörte Wähler beschwichtigen, die mich fragen, warum solche Pläne erst jetzt bekanntwerden? Ich darf ihnen natürlich keinen reinen Wein einschenken und ihnen sagen, daß das gerade der Trick dabei ist. Statt dessen behaupte ich, man habe sie nur nicht vorzeitig erschrecken wollen.

Mein schlimmstes Erlebnis hatte ich kürzlich. Als ich wieder mal meinen Spruch herunternudelte, hielt mir so ein grimmiger Typ die Bildschlagzeile zum Mieter-Gutachten für Frau Schwaetzer entgegen: ‚Mieter-Angst, Frau Minister, auf den Müll mit diesen Plänen!‘ und ging anschließend mit einem Beil auf mich los. Übrigens: Das Veilchen auf meinem rechten Auge hat mir ein Rentner verpaßt, den ich durch den diskreten Hinweis besänftigen wollte, in der Regierungserklärung des Kanzlers werde so manche Überraschung stehen. Das hielt er wohl für eine Drohung.“