Von Helga Hirsch

Oppeln

Mit blonden Zöpfen, die Hände leicht auf die Hüften gestützt, wiegen sich die Mädchen der ersten bis vierten Klasse zum Takt deutscher Volkslieder: "Oh, du lieber Augustin, Augustin, Augustin ... alles ist hin." Seit gut drei Jahren lernen sie in der Grundschule von Rogöw Opolski (Rogau), unweit von Oppeln, Deutsch. Was offiziell muttersprachlicher Unterricht genannt wird, ist faktisch jedoch eine Fremdsprache. Im besten Fall haben sie den Klang des Deutschen noch von den Großeltern im Ohr.

Seit der kommunistische polnische Staat den Schlesiern nach 1945 verbot, sich der "Sprache des Hitler-Regimes" zu bedienen, haben die meisten selbst in den eigenen vier Wänden auf die "Sprache des Herzens" verzichtet. So tauchte nach dem Zusammenbruch des Kommunismus eine deutsche Minderheit auf, die – oft verhöhnt in den Medien – ihrer Muttersprache kaum mächtig war. Nicht einmal Lehrkräfte gab es, um die Kinder zu lehren, was die Erwachsenen zu Hause nicht bieten konnten.

Drei Jahre half ein Priester aus – doch Dank erntete er wenig. "Nun sind wir schon so weit", schrieb eine Dorfbewohnerin an ihre ins "Reich" ausgereiste Bekannte, "daß der polnische Priester unseren Kindern Deutsch beibringt." Der Geistliche, obwohl Oberschlesier wie sie, stammt aus einer Familie mit propolnischer Orientierung. Sein Vater hatte am schlesischen Aufstand teilgenommen, er selbst Deutsch nur erzwungenermaßen während der nationalsozialistischen Zeit gelernt. Wer aber Deutsch unterrichte, so die weitverbreitete Meinung im Oppelner Raum, müsse die deutsche Kultur auch fühlen. Und statt froh zu sein, daß der Priester endlich wieder in ihrer Muttersprache predigt, boykottieren einige demonstrativ seine deutschsprachigen Gottesdienste.

Das eben, sagt Danuta Berlińska, die Bevollmächtigte des Oppelner Wojewoden für die deutsche Minderheit, sei der "schlesische Blues": jene schwermütige Melodie aus untergründigen Vorbehalten und unerfüllten Sehnsüchten, aus Angst und trotzigem Auftrumpfen, die Melodie der zu kurz Gehaltenen und zu kurz Gekommenen.

Alles ist viel besser als vor vier Jahren, aber noch nichts ist gut. Die deutsche Minderheit schuf Chöre, Freundschaftskreise, Orchester, erhielt deutsche Messen und deutschen Sprachunterricht in 244 Grundschulen, sie bringt eine deutsch-polnische Wochenzeitung heraus, stellt im Oppelner Raum dreißig Bürgermeister und ein Drittel der Abgeordneten im Wojewodschaftsparlament – und ist doch bitter, weil sie sich noch immer von Deutschland vernachlässigt und gegenüber den Polen benachteiligt fühlt. Warum stehen ihnen die Deutschen nicht so lautstark bei wie die Polen ihrer Minderheit in Litauen? Warum erhält die Minderheit nicht wie polnische Parteien so viele Angestellte in der Verwaltung, wie ihrem Anteil im Wojewodschaftsparlament entspräche?