DÖMITZ. – Ein Symbol der Einheit wankt. Die Dömitzer Brücke hat sich schon zwei Jahre nach ihrem Bau als reparaturbedürftig erwiesen. Mindestens eine Million Mark ist erforderlich, um das blau-rote Stahlkonstrukt, das sich zwischen Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern über die Elbe spannt, zu reparieren. Zusätzliche Drahtseile und Dämpfer sollen der Hängekonstruktion mehr Stabilität geben. Denn wenn der Wind von Nordwesten bläst und es gießt, heißt es, gerate die Hängebrücke ins Schwingen.

Ein Menetekel? Immer schon ist die Dömitzer Brücke mehr gewesen als einfach nur eine Brücke. Zu DDR-Zeiten galt das, was von ihr nach einem alliierten Luftangriff im Jahre 1945 übriggeblieben war, als Mahnmal der deutschen Teilung: Vom Westufer aus spannte sich die Brücke als Torso über den Strom – das Ostufer unerreichbar. Schon bald nach der Wiedervereinigung beeilte sich Bonn, die abgerissene Verbindung wieder herzustellen. Und tatsächlich, nach nur 17 Monaten Bauzeit konnte der damalige Bundesverkehrsminister Günter Krause im Dezember 1992 das 49 Millionen Mark teure Stahlgebilde seiner Bestimmung übergeben.

Die Erwartungen waren so hoch gespannt wie die Brücke selbst. Aufschwung verhieß Krause der Region. Der Verkehrsminister mußte schon wenige Wochen später seinen Hut nehmen. Würde sich die Brücke besser bewähren?

Nicht alle Hoffnungen haben sich erfüllt. Der wirtschaftliche Boom in der Festungsstadt Dömitz läßt noch auf sich warten. Und auch die Brücke hielt schon, bevor ihr Wanken offenbar wurde, nicht das, was sich die Bonner Architekten versprochen hatten. Wesentlich weniger Autos als vorhergesagt tauschten über ihren Asphalt: Nicht wie vorhergesagt 20 000, lediglich 6000 Fahrzeuge überqueren die Elbe täglich in beiden Richtungen.

Immer noch holpert der Verkehr über Kopfsteinpflaster durch die Stadt am Ostufer, wo Fritz Reuter das letzte Jahr seiner "Festungstid" verbracht hat. Wer ein ferneres Ziel ansteuert, muß sich durch ein Labyrinth von Einbahnstraßen quälen. Und auch die weitere Strecke nach Ludwigslust und Schwerin ist nicht ohne Engpässe.

Daß die Brücke nun wegen der nötigen Reparaturarbeiten in den kommenden Wochen halbseitig gesperrt ist, dürfte angesichts des ohnehin bescheidenen Verkehrs also nicht weiter stören. Von der finanziellen Seite einmal abgesehen, ist die Fehlplanung vor allem eben in symbolischer Hinsicht peinlich. Die Schwierigkeiten im deutschen Einigungsprozeß haben in Gestalt der mißglückten Elbquerung ein neues Sinnbild gefunden: ein Brückenschlag mit Konstruktionsfehlern. Mit monumentalen Kraftakten läßt sich der Strom, der Deutschland trennte, offenbar nicht überbrücken. Symbole sind eben nur Symbole. Ein leichter Wind, und schon geraten sie ins Wanken.

Heinrich Thies