Wächter zu sein in einer sonst allzu finsteren Nacht", so lautete, etwas pathetisch formuliert, Karl Mannheims Votum für eine den Herausforderungen der Moderne gewachsene, selbstbewußte Intelligenz. Sie sollte der Romantik sachlich, dem Faktenfetischismus reflexiv, den Ideologien skeptisch und den Utopien mit gedämpfter Emphase begegnen. Vor allem war ihr der Wüle zur Synthese abverlangt. Denn daran, am Engagement für das Ganze, mangelte es in Weimar allerorten. Daß die wirklichen, ernstzunehmenden Intellektuellen, die das karge Brot des geistigen Parteisoldaten verschmähten, oft dieselbe Unversöhnlichkeit erkennen ließen, die sie korrigieren wollten, gehört freilich auch zur Wahrheit der ersten deutschen Republik.

Um die alte Frage nach der Mitschuld der intellektuellen Großfiguren am Untergang von Weimar kreist das Buch des Hannoveraner Literaturhistorikers Dirk Hoeges. Um sie zu beantworten, läßt er eine Debatte aufleben, die damals hohe Wellen schlug. Sie führte zwei Charaktere zusammen, die für den Streit bestimmt waren: eben jenen Karl Mannheim, den glänzenden Essayisten und Soziologen, und den nicht minder brillanten Romanisten Ernst Robert Curtius. Dabei gab es manchen Schnittpunkt ihrer intellektuellen Biographie, Simmels Kulturphilosophie etwa oder die Verwurzelung im Heidelberger Kulturmilieu mit seiner eigenartigen Spannung zwischen Weberscher Denkzucht und Georgescher Geniereligion. Diese und andere Hintergründe, die Bündnisse, Lagermentalitäten und Kontroversen der Weimarer Intellektuellen erst verständlich machen, leuchtet die Arbeit mit großer Tiefenschärfe aus.

Auch wie die Gemeinsamkeiten der Kontrahenten dem Streit erst recht die Sporen gab. Keine Brücke verband die Wege, die beide aus der Krise des politisch kulturellen Lebens wiesen. Dort der Appell an die Tradition, hier der Angriff auf alle Fundamente; dort der Intellektuelle als Hüter einer langen und ehrwürdigen Geschichte, hier der freischwebende Intellektuelle, der mal hier, mal da zu Boden fährt, ohne sich wirklich niederzulassen; dort die Suche nach sinnstiftenden Vergangenheiten, hier die unverhohlene Freude über ihren Verlust, die Öffnung der Geschichte für mehr als eine Möglichkeit "Curtius", formuliert Hoeges kurz und treffend, "konturiert sich gegen die Gesellschaft, in der er lebt, Marinheim generalisiert und soziologisiert seine Situation Der Gegensatz war auf Entladung programmiert!

Curtius, der schon an Mannheims zeitdiagnostischer Streitschrift "Ideologie und Utopie" (1929) kein gutes Haar gelassen hatte, verlor zuerst die Contenance. Sein Schlachtruf klang martialisch: "Deutscher Geist in Gefahr!" Mannheims "Soziologismus" gab er unwirsch kund, bedrohe alles Geistig Originäre. Die endlose Suche nach sozialen Gründen der Kultur, nach Herkunft, Lagerung, Interesse, beschwöre einen "Parlamentarismus des Seelischen" herauf, den "Einbruch der Demokratie in die Geistigkeit". Dies würdelose Denken, Feind jeder echten Vertiefung, in die Schranken zu weisen, sei Aufgabe und Bestimmung der wahren Geistesaristokratie: "Das intellektuelle Wissen der europäischen Elite muß von sich aus Abhilfe schaffen, ehe ein revolutionärer Moloch unsere Bibliotheken m Brand steckt oder ein neuer Attila unsere Felder verwüstet Der Herausgeforderte schlug mit feiner Klinge zurück. Es sei nicht mehr —die Zeit fürs absolute Wissen. Wer dem Widerstreit der Positionen mit "Sinnstiftung" begegne, stünde auf verlorenem Posten, riefe statt der gewünschten Einheit nur eine wei- ™™~ teie Partei ins Leben - die der "Propheten". Vergeblich, denn der Zug der Relativierung aller Sicherheiten, im Leben wie im Denken, sei nicht mehr aufzuhalten, auch nicht durch eine "geistige Polizei". Das Gebot der Stunde laute, die Entzweiung auszuhalten, statt nach der Art der Ängstlichen in neue Nebelschleier einzutauchen.

Mit Lust und klug, zuweilen elegant geführt, wirkt dieser Schlagabtausch ein Jahr vor Hitlers Machtantritt seltsam gespenstisch. Den geistigen Gegner im Visier, ging man mit dem Erzfeind vor den Toren allzu milde um. Drohte die wirkliche Gefahr doch weder von Mannheims Fixierung auf "Zivilisation" noch von Curtius Emphase für "Kultur", sondern von einer modernen Barbarei, die mit beidem nichts zu schaffen hatte.

So sieht es auch Hoeges: "Im agonalen Extrem, den Widersacher zum Feind zu machen und den Feind vernichten zu wollen, indem seine Existenz der Lügenhaftigkeit verdächtigt und in Frage gestellt wird, spiegelt sich die intellektuelle Mentalität in der Agonie der WeiiM marer Republik Was man seiner Darstellung ankreiden könnte - ihr geringes Interesse an Aktualisierungen - ist zugleich ihre Stärke. Sie läßt die Dokumente sprechen.

""" Die sind beredt genug. Und wenn wir eins aus dem erbitterten Ringen lernen können, das sie vor Augen führen, dann dies: Das intellektuelle Ethos beweist sich an der Fähigkeit, mit geistigen Widersachern, auch den mißliebigsten, allemal stärker zu sympathisieren als mit den Mächten der Welt. Ernst Robert Curtius und Karl Mannheim. Intellektuelle und "freischwebende Intelligenz" in der Weimarer Republik; ft 10967, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1994; 270 S, 24 90 DM