Was Julius Posener über sich zu sagen gehabt hat, hat er uns, der lesenden Allgemeinheit, vor drei Jahren in einem Buch mitgeteilt, dessen Titel „Fast so alt wie das Jahrhundert“ heißt. Es erschien, als er 87 war, zuerst bei Siedler, die zweite Auflage unterdessen bei Birkhäuser in Berlin, eine der aufschlußreichsten und bewegendsten Autobiographien unserer Tage. Und wie wir sehen, geht sie im wirklichen Leben einfach weiter: Im Juli schrieb er über den Diktator Robespierre einen Essay in der ZEIT, vor zwei Wochen machte sich der Hochbetagte, gegen den Rat seiner Frau, auf den langen Weg nach Stuttgart, um dort einen Vortrag über den gleichaltrigen, 1970 gestorbenen Architekten Egon Eiermann zu halten, zwei Wochen vor seinem 90. Geburtstag, den er heute, am 4. November, in Berlin feiert.

Die Architektur, die Umstände ihres Entstehens, ihre Wirkung auf Mensch und Umgebung, ihre soziale und ihre ästhetische Kraft, die Ingeniosität (oder das Gegenteil) ihrer Urheber das war sein Thema. Je nun, wieso auch nicht; für einen gelernten Architekten, deren Julius Posener doch einer ist, ist das nichts Ungewöhnliches. Und doch: das Entwerfen und das Bauen waren, wie er nach und nach an sich bemerkte, nicht seine große Leidenschaft. Seine Neugier und sein Talent entfalteten sich mehr im Entdecken, Beobachten und Beurteilen von Bauwerken, vor allem darin, es einem Publikum mitzuteilen.

So wurde er, auf welch merkwürdigen, teils gesuchten, teils unfreiwillig eingeschlagenen, teils zufällig sich eröffnenden Umwegen – journalistische Arbeit in Paris (bei L’Architecture d’Aujourd’hui: „Er ist ein Jude, da wird er intelligent sein“), 1933 Exil in England, Architekt in Palästina, Kriegsdienst für die Briten ebendort und dann in Deutschland, Lehrer in London, darauf Professor in Kuala Lumpur so wurde er schließlich 1961 Professor für Geschichte, Theorie und Kritik der Architektur an der Hochschule der Künste in Berlin. Es war ein Segen für ihn und alle anderen. Wo andere anfangen, mit dem Ruhestand zu kokettieren, begann er seine eigentliche, alsbald ruhmbekränzte Karriere: ein Liebhaber der Baukunst, Freund der Menschen (und damals nicht zuletzt: der unruhigen Studenten), Verteidiger und Verfechter einer angenehmeren Umwelt, ein wißbegieriger Geschichtserkunder und -bewahrer. Und den Architekten ein stets skeptischer Sympathisant.

Doch vor allem war er ein Professor, einer im alten Sinn: ein bekennender Lehrer, der am Katheder ebenso wie in seinen Bücher und Aufsätzen aber auch ein unterhaltsamer Erzähler ist, zugleich ein lernbereiter, mutiger, bald in die Öffentlichkeit wirkender Kritiker. Die damals besonders eigenwillige Zeitschrift arch+ füllte fünf ihrer Hefte (Nr. 48, 54, 59, 63–64 und 69–70) mit seinen Hochschulvorlesungen, in denen er sich mit der Architektur vom 18. Jahrhundert über die Moderne bis in die Gegenwart auseinandersetzte.

Er schrieb Hunderte von Aufsätzen. Unter seinen Büchern ist „Berlin auf dem Wege zu einer neuen Architektur“ (im Zeitalter Wilhelms II., 1890 bis 1918, bei Prestel) das profundeste, das gerade (bei Vieweg auf deutsch) erschienene über „Hans Poelzig – sein Leben, sein Werk“ wohl dasjenige, das ihm besonders am Herzen gelegen hat. Viele Jahre lang war er Vorsitzender des Deutschen Werkbundes. Jahrzehntelang gab es in Berlin so gut wie kein alarmierendes Ereignis, zu dem nicht sein Rat gefragt und beherzigt worden war. Gottlob hat er, wie spät auch, viele, viele Ehrungen erfahren.

„Immerhin“, so schrieb er einem Freunde, „verschweigst Du nicht, daß dies das Leben eines Dilettanten gewesen ist, und ich darf hinzufügen, daß dieser Dilettant sich jetzt am Ende ernsthaft fragt, ob er nicht alles falsch gemacht hat. Aber“, setzte er hinzu, „das geht wohl so ziemlich allen so“ – allen Liebhabern, die die Liebhaberei unmerklich zu Fachkundigen werden läßt. Julius Posener hatte in seinem Fach ebenso wie als Zeitgenosse eine sympathische Devise: docendo discere, beim Lehren lernen.

Sein Sinn für Feierlichkeit ist mäßig, und deshalb belassen wir es hier dabei, ihm ewige Gesundheit zu wünschen. Wach ist sein Geist sowieso. M. S.