Von Christian Meier

MÜNCHEN. – Warum erregt Ernst Nolte so viel Aufsehen? Schwer zu sagen. Jedenfalls liebt er es, es steigert ihn, und seine Behauptungen oder Insinuationen sind vielfach skandalös. Zuletzt hat sich das in der Rede von "Größe und Tragik" und vom "historischen Recht" des Nationalsozialismus gezeigt. Aber Noltes Auslassungen sind, von Einzelnem abgesehen, lange bekannt. Diskutieren kann man mit ihm nicht. Er läßt sich nicht fassen. Ein Aal ist im Vergleich mit ihm ein Reibeisen. Dennoch findet sich immer wieder jemand, der das Bedürfnis hat, ihn vorzuführen, zuletzt in einem langen Spiegel-Gespräch.

Keine Frage, Nolte ist ein bedeutender Gelehrter. Er hat einen starken Drang zur Originalität. Er provoziert gerne. Aber all diese Talente nutzt er zunehmend zu sinistren Zwecken und so, daß die Grenzen zwischen Wissenschaft, Politik und Agitation bei ihm nicht mehr erkennbar sind. Seine eigene Einteilung, das eine sei Wissenschaft, das andere Politik, muß nachgerade als Bluff gelten.

Noltes Ziel ist, die deutsche Vergangenheit, die namenlosen Untaten des Zweiten Weltkriegs "zum Vergehen" zu bringen. Dem dient die These vom europäischen Bürgerkrieg, die den Nationalsozialismus eine – verständliche – Antwort auf den Kommunismus sein läßt. Darüber ließe sich insoweit mit Gewinn diskutieren, als unter den Motiven für die NS-Verbrechen – neben den Voraussetzungen in der älteren deutschen Geschichte – gewiß solche, die das Jahrhundert bietet, stärker berücksichtigt werden sollten. Dennoch bliebe das Entscheidende unverständlich.

Aber das ist Nolte bei weitem nicht genug. Er will die Verantwortung der Deutschen relativieren. Er will, daß davon möglichst nicht mehr die Rede ist. Und um das zu erreichen, geht er einen Weg abseits jeder intellektuellen Redlichkeit. Vielleicht wählt er dies Verfahren aus taktischem Kalkül; jedenfalls ist er von einer fixen Idee besessen, wird wohl auch seiner Verdrängungen nicht Herr.

Er weiß, daß mehr als fünf Millionen Juden ermordet wurden. Er hat auch deutlich erklärt, daß er Auschwitz für einzigartig hält. Aber er tut alles, um diese Einsicht zu verwischen. Vielleicht waren es weniger? Vielleicht sind nicht so viele vergast, dafür mehr erschossen worden. Oder sind mehr an Seuchen gestorben? Alle Zeugnisse, die mit überwältigender Eindeutigkeit für die Gaskammern sprechen, gelten Nolte wenig gegenüber der Aussage Hitlers, man habe die Juden auf "humane" Weise umgebracht. Wobei er sich nicht schämt hinzuzufügen, man solle auch dem Ungeziefer, das man "weghaben möchte", keine Schmerzen bereiten.

Nolte weiß, daß der Zweite Weltkrieg von Deutschland unter Hitlers Führung entfesselt wurde. Aber er tut alles, um auch dies zu verwischen. Schließlich sei es, meint er, ein europäischer Einigungskrieg gewesen. Sollten also Europas Regierungschefs im nächsten Jahr zum fünfzigsten Todestag Hitlers Kränze an dessen nicht vorhandenem Grabe niederlegen?