Von Jürg Laederach

Reto Hännys "Helldunkel" handelt nicht. Es setzt in Bewegung. Die Erfahrung macht der Leser von der traurigen Gestalt, der seinen Streckendienst gern einer Handlung nach abschritte, ohne selber bewegt zu werden. Den Reaktionen nach zu schließen, die das Buch bisher auslöste – dem kollektiven Kritikerauge der Schweiz fiel das Monokel herunter –, fand sich mehr als einer beim Lesen nicht mehr an seiner vertrauten Wegstrecke wieder; das Ding schien ihn mühelos zu verrücken. Die Klagenfurter Jury hat mit der Erstprämierung eines dem Gesamtkonzentrat entnommenen und bearbeiteten Teilkonzentrats erstaunliche Kaltblütigkeit bewiesen und damit viele andere einer Erregung ausgesetzt, welche hoffentlich keine gesundheitsschädlichen Folgen zeitigt.

Die ungewöhnliche Kraft dieses überaus sperrigen Textes könnte in seinen – das fesche Wort ist richtig – knallhart ineinander verfügten und verschweißten Gegensätzen liegen, deren fulminante Widersprüchlichkeit keine Subtraktion, sondern eine Addition aller (sorgsam, ja uhrmacherhaft berechneten) Effekte ergibt. Es handelt sich um einen denkbar unpersönlichen Bericht, der doch wiederum einzig nur von der Person dieses Autors stammen kann; indem er fast von sich absieht, bringt er sich erst recht zur Geltung. Gleich am Anfang wird man in die mikroskopisch-technische Beschreibung eines Energiewerks, einer Turbine, eines speziellen Schaufelrades hineingezogen, dessen Strömungs-Design am Computer laufend verbessert wird, wie überhaupt alles in diesem Text am Bildschirm ständig umgestaltet werden kann. Diese Grundunsicherheit soll uns auf allen Ebenen des Denkens während der Lektüre tüchtig martern.

Im Bericht selber herrscht größte Menschenscheu. Handelnde Figüren treten sozusagen nur als Zwischenschmuck für die Lesezeit aus den dichtgedrängten Kulissen. Die Kulissen, Hintergründe, Staffagen handeln meist eigenständig, über präzisionsgesteuerte Verschiebungen und Mikro-Neuinszenierungen, ohne fleischliche Protagonisten; der Erzähler ist völlig fasziniert von dem, was "Sache ist", und gerade die chirurgischen Details des Lebens kommen, wie man weiß, durchaus ohne den Menschen aus; ein Stück von ihm, gut präpariert, genügt.

Und doch scheint unterhalb von diesem allem wiederum nur von dem Menschen insgesamt, seinem Körper und seinem Fleisch die Rede zu sein: Oder doch von dem, was des Menschen Fleisch nicht mag – zum Beispiel das Aufgeschnitten-, Tranchiert- und Zerlegtwerden, das In-feine Scheibchen-Schneiden, das man lieber an einem norwegischen Lachs als am eigenen Körperglied beobachtet. Handelt es sich also um einen mehrheitlich menschenleeren, kunstvoll Menschen-folternden Text? Um einen Text, der reuelos, unbehelligt von jeder kontrollierenden moralischen Instanz sein Handwerk nicht nur vollzieht, sondern auch reichlich und exakt darüber reflektiert?

Der Autor selbst ist zumindest in dieser (zum Schluß durch Jugenderinnerungen aufgehobenen) Menschenleere nicht leicht zu finden. Selbst seine eigene Feder versteckt er unter Dutzenden von auffindbaren und weiteren Dutzenden von erahnbaren Zitaten, von James Joyce bis Claude Simon, wobei er die Zitate oft unmerklich abändert. Die Kunst des Zitierens besteht bekanntlich unter anderem darin, Zitate aus ihrem Zusammenhang zu reißen und dem Zitator gefügig zu machen. Alle hier Zitierten, ob zeitgenössisch oder längstverstorben, wirken deshalb so, als hätten sie Hännys Buch gelesen und seien zu einer Intervention veranlaßt worden. Dadurch entsteht der Eindruck, als benötigte Hänny Hilfskräfte, um dem grausamen Selbstlauf seiner Erzählung zu entgehen. Erst mit der Zeit erkennt man, daß die Inszenierung auch andersherum wirkt: Hänny, der Zitierperfektionist, findet immer wieder bei einem anderen Autor den treffendsten Satz zur Weiterführung der Erzählung, verleiht seinem Thema auf diese Weise eine alles-folternde, alles-vernichtende Gewalt, ohne es je selbst definieren zu müssen.

Lesepsychologisch macht das Buch vom King-Kong-Effekt Gebrauch: Hinten im Dunkel, jenseits der schützenden Mauer, hört und fühlt man es kommen, dumpfes Stampfen, heisere Schreie, nur: Der echte King-Kong tauchte auf und wurde real, Hännys Literatur-King-Kongs erscheinen bestenfalls als Schattenrisse; will man einen fassen, ist bereits der nächste vorbeigehuscht.