Du denkst gerade an einen Menschen, der dir lange nicht in den Sinn gekommen ist. Just in diesem Augenblick ruft er dich an. Da behaupte noch einer, es gäbe keine Telepathie! Nüchterne Zeitgenossen, die zu Bleistift und Papier greifen, ehe sie Übersinnliches wähnen, finden rasch heraus: Ein Wunder ist dies nicht; denn die Wahrscheinlichkeit, daß uns so etwas mindestens einmal im Leben widerfährt, ist größer als die, daß diese Situation nicht eintritt.

Das klingt überraschend, hat aber einen ebenso einfachen wie bedauernswerten Grund: Die meisten Leute können mit Zahlen, Wahrscheinlichkeiten und Demoskopie nicht umgehen. Und weil sie dies nicht können, lassen sie sich täuschen nicht nur von Fehleinschätzungen harmloser Zufallserscheinungen, sondern Tag für Tag von Menschen, die uns bewußt betrügen, aus Profitgier, um uns ihre Politik oder Ideologie aufzuschwatzen, aus Geltungssucht (nicht selten in der Wissenschaft) oder um Sensationen zu fabrizieren. Mancher Betrug mit Zahlen mag fahrlässig sein, weil es dem, der ihn begeht, an logischem Denken gebricht.

Wir müssen uns indes wappnen gegen Typen, die uns aus Hinterlist oder Dummheit mit einem Zahlendreh über den Tisch zu ziehen versuchen. Aber wie? Das verrät uns das Buch des Amerikaners Alexander Dewdney, dessen Übersetzung, "200 Prozent von nichts", soeben bei Birkhäuser erschienen ist.

Dewdney entlarvt die "wissenschaftlichen Beweise", mit denen Werbestrategen zeigen wollen, daß das von ihnen gepriesene Produkt besser sei als das der Konkurrenten. Er führt dem Leser drastisch vor, wie wir mit verführerischen Rechenexempeln von Banken und Versicherungen übers Ohr gehauen werden, wie Quacksalber mit frisierten Wirksamkeitstests ihre fragwürdigen Heilmittel propagieren und "Medienmathematiker" aus harmlosen Vorfällen Katastrophen zaubern; zum letzten ein Beispiel: Im Februar 1990 wurden Tausende von Flaschen des Mineralwassers Perrier zurückgerufen, weil bei der Abfüllung des Getränks eine Charge mit krebserregendem Benzol verunreinigt worden war. Die Meldung - bevorzugte Überschrift: "Krebsgift im Mineralwasser" trieb den Hersteller an den Rand des Bankrotts, zumal der Benzolanteil von 25 Prozent über dem des gewöhnlichen Wassers eindrucksvoll klang; 15 statt 12 Teile Benzol pro Milliarde Teile Wasser hätte weniger gefährlich geklungen. Was der Zeitungsleser nicht erfuhr: Die Wahrscheinlichkeit dafür, daß ein Mensch, der lebenslang jeden Tag zwei Liter des inkriminierten Perrier Wassers tränke, deswegen an Krebs erkranken würde, beträgt 0 000013 und läge damit um 0 000003 höher als beim gewöhnlichen Wasser. Da niemand ganzes Leben lang das "Krebsgift im Mineralwasser" hat trinken können, sondern allenfalls für die paar Wochen bis zum Rückruf, nahm man damit nur einen winzigen Bruchteil von dem 3 Millionstel Zusatzrisiko in Kauf - nach aller Vernunft betrachtet war es Null.

Politiker sind wahre Meister der Zahlenmanipulation. Das haben wir kürzlich in Wahlkampfreden über zu erwartende Steuern erfahren. Exemsein plarisch ist die Episode, die Dewdney berichtet: Im Herbst 1980 debattierten die Präsidentschaftskandidaten Ronald Reagan und Jimmy Carter vor der Fernsehkamera über die Ausgaben der öffentlichen Hand. Carter rechnete Reagan vor, daß während dessen Regierungszeit als Gouverneur von Kalifornien die Staatsausgaben um mehr als dreißig Prozent gestiegen seien. Reagan entgegnete, die prozentuale Zunahme der Ausgaben pro Kopf der kalifornischen Bevölkerung sei geringer gewesen als die in Georgia, wo Carter Gouverneur war. Das verschlug Carter die Sprache. Dabei hätte er ein stichhaltiges Gegenargument ins Feld führen können: Während der fraglichen Zeit hatte die Bevölkerung Kaliforniens kräftig zugenommen, in Georgia hingegen war sie stark rückläufig gewesen (der Pro Kopf Wert ist ein Bruch, in dessen Nenner die Bevölkerungszahl steht; deshalb wird der Pro Kopf Wert kleiner, wenn sich die Bevölkerung vergrößert). Reagan hatte diesen entscheidenden Sachverhalt listig verschwiegen, und die meisten Zuschauer bemerkten es" ebensowenig wie Jimmy Carter.

Datenunterschlagung ist eine der simpelsten, doch wegen der weltweit verbreiteten Zahlenblindheit fast immer eine erfolgreiche Irreführung. In unzähligen, locker präsentierten Geschichten demonstriert Dewdney, wie diese und all die anderen Zahlenlumpereien zu durchschauen sind. Diese nützliche Belehrung geschieht im eingängigen Plauderton, so daß der Leser nicht merkt, wieviel Mathematik er dabei lernt; Formeln kommen so gut wie nicht vor.

Michael Zillgitt hat den englischen Text geschickt übersetzt; und er hat, wo immer es ging, allzu amerikanische Beispiele durch gleichwertige deutsche ersetzt. Bei den faulen Statistiken sogenannter Wissenschaftler, die sich auf Fälle von Leukämie im Umkreis von amerikanischen Kernkraftwerken bezogen, hat sich Zillgitt freilich den Hinweis auf ein hierzulande aktuelles Thema verkniffen; das ist sein gutes Recht als Übersetzer. Die geheimen Tricks der Statistik und andere Schwindeleien mit Zahlen; Birkhäuser Verlag, Basel 1994; 208 S, 29 80 DM